Jesus – ein Mensch wie du und ich?

Dag-Udo Lippe - Philosoph in Berlin und gebürtig aus Bad Sassendorf - schrieb uns diesen Text:

Jesus – ein Mensch wie du und ich?

Ohne die Tragweite seines Gebotes zu erahnen, des Gebotes, dass jeder Mann und jede Frau, ja alle Welt sich schätzen ließe, hat es die Welt jenem Augustus, dem militärischen Herrscher über das Römische Reich und sogenannten Friedenskaiser, zu verdanken, dass sich der Zimmermann Josef und seine hochschwangere Frau Maria in ihre Heimatstadt Bethlehem begeben mussten, die zu jener Zeit, da diese gebären sollte, unter einem guten Stern stand. Mit der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes Jesus erblickte ein Mensch das Licht der Welt, ein Mensch wie er trotz beispielloser Huldigung, die ihm zu Teil werden sollte, beispielhafter nicht sein kann. Arm wurde er geboren, zu den Armen hat sich gesellt und arm ist er gestorben. Ja, es stimmt – sein Reich war nicht von dieser Welt, einer Welt der materiellen Maßlosigkeit, einer Welt staatlicher Repressionen, einer Welt der Doppelmoral und fadenscheinigen Prophetie. Das alles mag uns mit Blick auf die Gegenwart, 2022 Jahre später, beunruhigend bekannt vorkommen – und zwar so bekannt, als hätten wir Jesus von Nazareth, der Kranke heilte und Kinder mit offenen Armen empfing, den, der die Tempel von Götzenbildern reinigte und den, der mit Huren und Zöllnern befreundet war, als hätten wir diesen Menschen noch immer nicht ganz beim Wort genommen. Ja, fast scheint es so, dass je größer die Kathedralen wurden, die wir ihm zu Ehren errichtet haben, desto weniger von seiner Botschaft übrigblieb. Aber was ist eigentlich seine Botschaft?

In der britischen Filmkomödie „Das Leben des Brian“ wird die Geschichte des sympathischen Naivlings namens Brian – im englisch-sprachigen Raum ein Allerweltsname – als Persiflage auf das Leben Jesu erzählt. Wie es auch dessen Schicksal wollte, endet Brian in der Schlussszene des Films mit einigen anderen zum Tode Verurteilten am Kreuz. Als ein römischer Soldat mit einem Begnadigungsschreiben auftaucht und ruft „Brian ist frei!“, Brian selbst dies aber nicht mitbekommt, nutzt ein anderer Delinquent die Gunst der Stunde und ruft laut „Ich bin Brian!“, darauf wieder ein anderer „Ich bin Brian!“ und der nächste „Nein, ich bin Brian und meine Frau ist auch Brian!“ (Tatsächlich wird in der Szene ein Ehepaar gekreuzigt.) Was im Kinosaal immer wieder einen Massenlachanfall auslöst und für bestimmte Menschen eine blasphemische Veralberung des Andenken Jesu darstellt (noch heute stuft die FSK den Film als nicht „feiertagsfähig“ ein), spiegelt allerdings die konsequente, ja radikale Botschaft eines Menschen, der das Göttliche als Stellvertreter für alle Menschen in sich erkannt hat und darum weiß, dass sich dieses Göttliche nur dann entfalten kann, wenn es JEDER in sich selbst erkennt und auch erkennt, dass eben dieses Göttliche in meinem und deinem Nächsten wohnt – so verborgen es auch sein mag und in welcher Gestalt sich dieser Nächste uns auch immer offenbaren mag. Ob Sozialhilfeempfänger oder Staatsminister, Obdachloser oder Oberbürgermister, Krimineller oder Kripobeamter – wir alle sind – biblisch gesprochen – die Kinder Gottes. Aber es ist ganz allein an jedem von uns, dieses Göttliche, diese positive Energie in Form von Freude, Liebe und Dankbarkeit in uns selbst zu finden und zu pflegen. Und ich bin sicher, dass trotz der Kriege, die wir führen, trotz der Umweltkatastrophen und der globalen Ungerechtigkeit, die wir durch unsere Lebensweise verursachen und trotz der dunklen Seiten, die jeder von uns in sich trägt, dass trotz aller Missstände, die inzwischen eher zur Regel als zur Ausnahme geworden sind, dass jeder Einzelne mehr oder weniger offen zugeben wird: Das alles will ich so nicht. Doch die Erlösung vom Unheil in der Welt da draußen wie Jesus in uns selbst zu finden, statt sie von der Welt da draußen zu erwarten, ist mit einer Verantwortung verbunden, die uns niemand abnehmen wird, nicht unsere Partnerinnen und Partner, die wir mit unseren Erwartungen überfordern, nicht die Politiker, die wir für unser persönliches Wohlergehen verantwortlich machen und nicht die gierigen Milliardäre, die ihr Geld hoffentlich bald freiwillig abgeben. Nein! – Denn wer, wenn nicht wir, wer, wenn nicht du und ich sollte die Welt ein wenig besser machen? Und wann und wo, so frage ich, soll das geschehen, wenn nicht hier und jetzt? Jetzt ist Weihnachten, jetzt nehmen wir uns vielleicht die Zeit, darüber nachzudenken, welches Vermächtnis uns Jesus wirklich hinterlassen hat, ein wahrhaft großartiger Mensch, ein Jedermann, ein Brian, ein Dude – ja irgend so ein Barfuß-Typ mit schmutzigen Händen und zerrissenen Kleidern ist mit seinem Beispiel vorangegangen und er könnte uns gesagt haben: „Seid wie ich und tut es mir gleich, sonst tut es keiner!“ Denn, so steht es im ersten Brief des Johannes Vers 1-4 „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird erst dann mit uns sein, wenn in uns ist und in jedem Einzelnen von uns. Und so möchte ich das Gebot, dass damals vom Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt sich schätzen ließe, aufgreifen und ein neues Gebot ausrufen, das Gebot, dass alle Welt sich wertschätzen solle.‘ Und so macht euch auf, ein jeder in sein Haus und seid bereit für das Wunder der Wertschätzung und das Fest Liebe, denn es ist das Fest eines jeden von uns.