In der "gottesdienstlosen Zeit" erstellte Ansachten und Videos - örtlich und regional -  sind hier alle nacheinander aufgeführt. Die letzten Aktivitäten zuerst.

Einfach aussuchen und anklicken!

Predigt zum 14. Sonntag nach Trinitatis:    Lukas 19,1-10

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

stellt euch vor, ihr hättet heute Nacht geträumt (und wie es so ist bei Träumen, da geht es manchmal durcheinander, da gibt es Sprünge, da ändern sich die Perspektiven). Also:

Du bist unterwegs, gehst die Straße entlang. Es ist heiß. Du hörst Lärm, es wird lauter. Vor dir eine Ansammlung von Menschen. Einige halten Handys hoch über die Köpfe der anderen und filmen irgendwas, du siehst nichts, ihre Rücken versperren dir die Sicht. Du zwängst dich dazwischen. Wirst auch einer von den Rücken. Eine Mauer von Schultern und ausgestreckten Armen mit Handys wie Spargelstangen. Was geht da ab?

Und dann riechst du es. Aber hinter dir. Ein strenger Schweißgeruch. Einer drängt von hinten heran, du fühlst seine Schweißnässe in der Tageshitze. Und eine Fahne trägt er vor sich her. Billiger Fusel aus dem Aldi. Was der sonst wohl noch für Fahnen tragen mag? Es ist eklig. Du machst dich noch breiter zwischen den anderen. Aber es ist zu penetrant. Du drehst dich um, wendest den Blick. Schaust herunter, auch im übertragenen Sinne. Aha, ausgebeulte Jogginghose, fleckiges T-Shirt, war ja klar. Aber jetzt riecht es nicht mehr, jetzt duftet es. Irgendeine orientalische Note, von Hugo Boss oder so. Der stinkige Proll hat plötzlich einen edlen Anzug an, so gehobenes Business. Bestimmt irgendwas mit Immobilien oder Hedgefonds-Manager. Du musst immer noch herunterschauen, denn der Typ ist kleiner als du. Auf einmal ist er verschwunden, die anderen haben gar nichts gemerkt. Nur diese orientalische Duftnote umschmeichelt noch deine Nase. Deine Augen suchen in der Menge, der Nase nach. Es raschelt über dir. Du schaust nach oben. Dieser Duft, vielleicht kommt er auch von den Maulbeerbäumen, die die Straße säumen, von den Gewürzen und Spezereien des nahegelegenen Basars. Einige Leute haben Turbane auf. Wieder raschelt es über dir. Da hörst du eine Stimme rufen: „Du da, steig eilends herunter, denn ich muss heute in deinem Hause einkehren!“ Und dann geht alles ganz schnell.

Der Verschwundene hat oben im Geäst des Baumes gehockt. Er klettert herunter und staunend tritt die Menge beiseite, auch du. Er läuft dem Rufer entgegen und gemeinsam gehen sie in ein Haus. Die Menge glotzt. Wie das?

Es wächst die Empörung. Zu jeder und jedem anderen, aber zu dem? Sie skandieren wutentbrannt und es wird zu laut, um irgendwas zu verstehen. Ich würde mich auch nicht trauen, das jetzt hier in der Kirche wiederzugeben…

Da geht die Tür des Hauses auf und der kleine Mensch steht im Eingang, mit strahlendem Gesicht. Die Menge wird still. Neben ihm der Fremde, der sagt: Dieser hier gehört auch dazu!

 

Und du wachst auf. Noch etwas irritiert zuerst. Doch dann stehst du auf und machst dich fertig an diesem Sonntagmorgen zum Gottesdienstbesuch. Und dir ist klar geworden, Pfarrer Fischer predigt heute über die Geschichte vom Zolleinnehmer Zachäus, wie sie uns im Evangelium nach Lukas überliefert ist. Ich lese die Verse aus der Bibel:

Lukas 19, 1-10

1  Und Jesus ging nach Jericho hinein und zog hindurch.

2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich.

3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt.

4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.

5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.

6  Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.

7 Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.

8 Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.

9  Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams.

10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

Träume wollen etwas über uns sagen, uns etwas klarmachen, Erfahrungen aus dem Unterbewussten ins Bewusstsein heben. Und es gibt Träume, die kommen immer wieder. Genauso oder ähnlich. Immer wieder. Weil wir ihnen nicht genug Beachtung schenken und meinen: Kenn ich doch schon.

So ist es auch mit dieser biblischen Geschichte. Viele von uns kennen die Erzählung vom Zöllner Zachäus auf dem Baum seit Kindheitstagen. Sie ist vertraut. Kenn ich schon…

 

Und da kann es passieren, dass wir ihr zu wenig Beachtung schenken. Wir meinen, wir haben sie verstanden. Und zwar meistens so: Einem Zöllner, einem Sünder, der durch Betrügereien vom Volk gehasst wird und große Schuld auf sich geladen hat, dem begegnet Jesus. Und Jesus vergibt dem Zöllner und der verspricht dann sein Leben zu ändern und alles wiedergutzumachen. Eine Mustergeschichte von Schuld, Vergebung und Bekehrung.

 

Bis uns die Geschichte dann plötzlich anders begegnet und wir entdecken, dass die Schuld-, Vergebungs- und Bekehrungs-Perspektive eine sehr einseitige Sicht ist in dieser vielschichtigen Erzählung. Vielschichtig wie eine Zwiebel. Und wir können Neues in dieser alten Geschichte wahrnehmen.

 

Eine solche Zwiebelschicht enthüllt sich durch den Wortlaut der alten Lutherübersetzung. Da heißt es nämlich: er – Zachäus – „war klein von Person“. Wörtlich steht da nur, er war klein von Gestalt, also hinsichtlich der Körpergröße. Und doch öffnet sich so eine neue Perspektive: Die Person ist mehr als die äußere Gestalt. Die Person, das ist eher unser Ansehen statt Aussehen. Und oft hängt das zusammen mit der äußeren Gestalt. Denn wer anders ist als die anderen, der hat es nicht leicht und muss ganz schön baggern, um von den anderen akzeptiert zu werden. Da reicht schon ein ausländischer Name, ein anderer Teint, ein Krauskopf, ein anderes Milieu – und du bist draußen.

 

Zachäus war klein, heißt es. Auffällig klein. Und er war wohl schon klein, bevor er Zöllner wurde. Es war nicht sein Beruf ausschlaggebend für seine Rolle unter den anderen in der Stadt, sondern sein Anderssein. Vielleicht wurde er als Kind schon ausgegrenzt oder als Jugendlicher gemobbt. Mal verhätschelt „unser Kleiner“, mal gehässig „blöder Wicht“.

 

Zugegeben, dass sind Phantasien. Sie stehen so nicht in der Geschichte. Aber solche Erfahrungen machen viele Menschen:

Kleine, Gehandicapte, Menschen mit Migrationshintergrund, Farbige (nicht nur in Amerika!), sozial Schwächere, die nicht mithalten können mit Moden und Trends in der Gesellschaft. Klein von Person – gemacht. Von Ansehen. Und dann manchmal auch geworden, klein. Denn das Selbstbewusstsein wird durch Ausgrenzung und fehlende Anerkennung nicht gerade gestärkt.

 

Und dann geschieht es, dass etliche dieser Ausgegrenzten unter die Räder kommen, sich hängen lassen oder sich fügen, sich arrangieren.

Anderen gelingt es – Gott sei Dank – mit ihrem Anderssein Platz und Anerkennung in der Gesellschaft zu bekommen.

Wieder andere tun sich in ihrer erlebten Opferrolle mit ihresgleichen zusammen, suchen sich einen Führer und Aufwertung durch Springerstiefel.

Und manchmal schlagen Menschen dann diesen Weg ein: Sie werden Zöllner wie Zachäus. Sie verbünden sich mit der Macht (Zöllner arbeiteten damals für die römische Besatzungsmacht, sie trieben die Steuern für den Kaiser ein. Und Oberzöllner, die verpachteten sogar in ihrem „Beritt“ diese Befugnis an die einfachen Zöllner, die diese Aufgabe dann ausführten. Sie selbst leiteten nur weiter, nicht ohne Gewinn. Beträchtlichen Gewinn. Unanständigen Gewinn. Und Zachäus war Oberzöllner).

Menschen wie Zachäus verbünden sich mit der Macht. Gegen das Gezeter der anderen, gegen deren als übermächtig erfahrenes Mobben und Schmähen. „Euch werde ich es schon zeigen. Das werdet ihr mir bezahlen!“ Und Zachäus brachte es weit. Bis zum Oberzöllner!

 

Und dann ergibt sich eins zum andern. Wer die Macht hat, wer auf Seiten der Macht steht, einer als ungerecht erfahrenen Macht steht, der ist erst recht unbeliebt. Der gehört zum Establishment und ist schnell dem Vorwurf (und der Versuchung) ausgesetzt, sich aus dem Staatssäckel und Steuergeldern zu bedienen. Im Fall des Zachäus wird aus der Schmähung Scham, dann Wut, sie wird kompensiert durch das Bündnis mit der Macht. Er verwickelt sich in Betrugs- und Schuldgeschäfte, sein Reichtum ist sein Trost. Er bezahlt dafür umso mehr mit Isolation. Sein Selbstbewusstsein zieht er nicht aus gesunder Selbstwertschätzung, sondern aus dem Sockel, auf den er sich hochgearbeitet hat. Entweder hoch zu Ross oder eben auf einen Baum. Auf seinen eigenen Füßen allein zählt er nicht genug. Klein von Person, gemacht oder geworden, bald ist das nicht mehr zu unterscheiden. Wer fragt auch danach? Wen interessiert so einer denn schon?

 

Und hier beginnt das Evangelium. Es gibt einen, den das interessiert. Der sich für Zachäus interessiert. Der sich für den Hedgefonds-Broker ebenso interessiert wie für den stinkenden Proll in Jogginghose und den johlenden „Lügenpresse“ skandierenden Verteidiger des christlichen Abendlandes. Einen, der die Wahrheit kennt – und die Hintergründe.

 

In der biblischen Geschichte wendet sich Jesus diesem Zachäus auf dem Baume zu. Und er lädt ihn ein auf den Teppich, mit beiden Füßen auf die Erde zurückzukommen, indem er sich selbst (vorbehaltlos) bei ihm einlädt, in seine Lebenswelt, in sein Milieu, in seine Gründe und Abgründe.

 

Wir wissen nicht viel von dem, worüber die beiden in dem Haus geredet haben. Jesus wird vor allem Interesse an Zachäus selbst gehabt haben, an seinen Gefühlen, seinen Verletzungen, seinen Träumen und Hoffnungen. Vielleicht hat er auch gefragt: Was machst du eigentlich so? Jedenfalls hat er sich nicht daran gestört, was die Anderen draußen dachten und machten.

 

Mir scheint es, als habe die Erfahrung des vorbehaltlosen Interesses Jesu das Leben des Zachäus auf eine neue Grundlage gestellt. Da ist einer, bei dem brauche ich mich nicht mit dem Wink der Macht aufzuspielen. Da ist einer, der mich auch so nicht kleinmacht. Der meinen Wuchs nicht mit meiner Würde verwechselt. Der mein Anderssein annimmt, kein Problem damit hat, weil Gottes Welt bunt ist!

Diese Erfahrung hat (in der Geschichte beispielhaft erzählt) das Leben des Zachäus auf eine neue Grundlage gestellt – ohne es völlig umzukrempeln. Womöglich ist er Zöllner geblieben. Es wird nicht erzählt, dass er jetzt Jesus nachfolgte. Aber es wird erzählt, dass er sich selbst neu verstand, dass er sein Zöllner-Dasein nicht mehr dazu missbrauchen musste, sich an den anderen zu rächen: „Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“

Ich bin überzeugt, dass nicht nur seinem Hause in diesem Moment Heil widerfahren ist, sondern der ganzen Stadt Jericho. Ich bin überzeugt, dass dort solche Wunder geschehen, wo die Zuwendung Jesu erfahren wird. Und ich bin überzeugt, dass Spuren solcher Wunder auch dort möglich sind, wo wir uns in der Nachfolge zu solcher Zuwendung rufen lassen.

 

Nun haben es Träume so an sich, dass man sich unversehens in einer anderen Perspektive wiederfindet. Eingangs hast du als Zuschauer geträumt. Selbst irgendwo in der Menge gestanden und den Rücken breit gemacht. Das tun wir ja meistens. Aber vielleicht wiederholt sich der Traum ja so oft, bis du dich plötzlich selbst unversehens als der Besucher und Rufer in die Stadt einziehen und da jemanden auf dem Baum hocken siehst.

 

Und wenn du dann aufwachst, weißt du, wie diese Geschichte weitergehen soll!

 

Amen.

 

„O Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich Liebe übe, wo man sich hasst,

dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt,

dass ich verbinde, wo Streit ist,

dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht,

dass ich den Glauben bringe, wo der Zweifel herrscht,

dass ich die Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,

dass ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert,

dass ich Freude mache, wo der Kummer wohnt…“

 

EG 416

früher Franz von Assisi zugeschrieben, aber Normandie 1913

(einer Region, in der im letzten Jahrhundert Krieg und Hass nur so gewütet haben).

 

Ihr

Pfr. Friedhard Fischer

Einführung des Presbyteriums und des Küsters am 30.08.2020

Foto: Manfred Potthast

Der Gottesdienst stand unter dem Bibelwort:

„Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ 1. Kor. 3,11

Der Gottesdienst wurde mit Einführung des neuen Küsters, des Presbyteriums und Abschied von einem verdienten Presbyteriumsmitglied (Ingo Sommerfeld, auf dem Foto mit großem Blumenstrauß) gefeiert.

Der Text der Predigt ist weiter unten nachzulesen.

Nach dem Gottesdienst stellten sich das Presbyterium und die Pfarrerinnen zu einem Gruppenbid vor der Kirche auf.

Foto: Manfred Potthast

 

 

Hier wird der neue Küster Hermann Ahrens vorgestellt.

Er wird von 2 Mitgliedern des Presbyteriums eingerahmt.

 

Für Menschen mit Hörhilfen wird eine kurze Übersicht des Gottesdienstes mit Untertiteln bereitgestellt.

Btte hier klicken.

Predigt zum Einführungsgottesdienst am 30.08.2020

Text:1.Kor.3,9-17

Unserem Bauboom in der Börde tragen wir seit langer Zeit Rechnung indem wir z.B. als Gemeinde, Erbpachtgrundstücke verkaufen. Dabei haben wir stets im Hinterkopf, dass wir keine Luxus-Eigentumswohnungen oder Häuser auf kirchlichem Grund und Boden möchten. Nein, wir sind eher genossenschaftlich orientiert und möchten es gerne erschwinglich haben für diejenigen, die eben nicht über ein so hohes Eigenkapital verfügen.

Aber heute soll es nicht um Mörtel und Steine gehen, mit denen sich auch unser engagierter Förderverein der beiden Pfarrkirchen auskennt.

Vielmehr führt Paulus uns in eine neue, für die damalige Zeit revolutionäre Bautechnik ein.

Der Tempel in Jerusalem von König Salomo erbaut war bisher das Symbol des alttestamentlichen Opferkultes. Dieser Tempel hat mit dem Opfertod Jesu ausgedient und wird im Jahr 70 n.Chr. von den Römern zerstört und auch nicht wiederaufgebaut.

Seit der Zeit als Jesus über diese Erde ging gilt bis zum heutigen Tag für denjenigen, der sich zu Christus bekennt: du bist der Tempel des Hl. Geistes. Dasselbe gilt auch für die Gemeinschaft der Christen, nämlich die Gemeinde Jesu auf der gesamten Welt.

Konkret heißt das: die Ev. Kirchengemeinde Bad Sassendorf ist ein Tempel des Hl. Geistes.

Wie könnten das z.B.  Feriengäste oder Patienten aus den Reha-Kliniken spüren, wenn sie in unsere Gottesdienste kommen? Gibt es spezielle Kennzeichen dafür ein Tempel des Hl. Geistes zu sein?

Die Antwort finden wir im Predigttext. Sie lautet: ein anderes Fundament kann niemand legen als das, das schon gelegt ist-Jesus Christus.

Die Gemeinde braucht dieses Fundament heute mehr denn je, jetzt da uns allen der Sturm der Pandemie um die Ohren weht.  Heute da der heiße Wind der Klimakatastrophe auch diejenigen, die das Problem kleinreden, überzeugen kann.

Ein Flickenteppich aus der festen Überzeugung, wir schaffen das alleine mit unseren wissenschaftlichen Möglichkeiten und natürlich hilfreichen Schutzkonzepten ist zu wenig.

Wie wäre es denn mal wieder das Schutzkonzept von Jesus in Anspruch zu nehmen? Zusätzlich zum staatlich verordneten Schutzkonzept natürlich.

Wie sehr Jesus Fundament der Gemeinde und jedes einzelnen Christen sein kann wird sehr schön deutlich an der Stillung des Sturmes. Wenn hier irgendeiner alles unter Kontrolle hat dann doch er. Also bitte bauen sie auf ihn und nicht auf irgendwelche handgestrickten Ideologien oder finanzielle Absicherungen.

Unser eindrückliches Altarbild ist doch kein Erinnerungszeichen an einen längst Verstorbenen, nein es vergegenwärtigt den Gekreuzigten, der zugleich der Auferstandene ist. Er ist so lebendig, dass er sogar wiederkommen wird. Täglich hat er ein offenes Ohr und ein liebevolles Herz für Dich und mich. Bei ihm habe ich 24/7 die Möglichkeit einer Privataudienz.

Ist er das Fundament in unserem Leben und damit auch in unserer Gemeinde?

Noch ein paar Gedanken, wie denn nun auf Christus als dem Fundament der Gemeinde weitergebaut werden kann.

Zum einen dürfen wir Hand in Hand bauen.

Der eine hü und die andere hott kann im Lauf der Zeit zu Spaltungen führen.  Davon sind wir Evangelischen ja stark betroffen. So viele Splittergruppen und jede meint, sie hätte die geistliche Wahrheit gepachtet.

Hand in Hand gelingt der Gemeindeaufbau, wenn wir uns auch gemeinsam dem Wort der Bibel aussetzen u. das Gebet miteinander ausreichend Raum erhält.

Zum zweiten ist das Baumaterial nicht beliebig. Nein, es wird am Ende dieser Weltzeit einer strengen Qualitätskontrolle unterzogen. Für Jesus darf uns das Beste gerade gut genug sein. In geistlichen Dingen werden wir niemals zu Spezialisten werden. Selbst alte erfahrene Theologieprofessorinnen wissen sich am Ende ihres Lebens von Christus abhängig.

Vor vielen Jahrzehnten gab es sogar mal eine Theologieprofessorin, die sich von ihren veröffentlichten Büchern distanziert hat. Alles was sie veröffentlicht hatte, bestimmte sie später für den Reißwolf.

„Wer nun auf dieses Fundament, nämlich Christus, aufbaut kann dazu Gold, Silber, Edelsteine oder Holz, Heu und Stroh verwenden. Am Tag des Gerichts wird sich die Arbeit jedes Einzelnen im Feuer bewähren müssen. Das Feuer wird zeigen, von welcher Qualität das Bauwerk ist “ heißt es in unserem Predigttext.  Mit genau dieser Bibelstelle begründet die katholische Kirche ihre Lehre vom Fegefeuer. Luther hat sich von der Vorstellung eines Fegefeuers distanziert. In den Ostkirchen gab es die Vorstellung vom Fegefeuer überhaupt nie. Wenn sie so wollen handelt es sich um eine röm.-kath. Sonderlehre, die auch den Ablasshandel begünstigt hat.

Was allerdings absolut biblisch ist, dass alles auf den Prüfstand muss, wenn Jesus wiederkommt.

Wir werden Rechenschaft ablegen müssen über unser Tun, über unser Reden aber auch über unser Unterlassen. Zugegeben das Bild vom Feuer wirkt nicht anheimelnd und wärmend, nein es wirkt bedrohlich und lässt uns erschrecken.  Wir haben ganz aktuell die  Bilder  von außer Kontrolle geratenen Bränden in Kalifornien vor Augen die Menschen und Tiere in die Flucht treiben. Wie es sein kann einem Feuer gerade so mit Mühe und Not zu entkommen, können wir uns vorstellen, selbst wenn wir nicht zu den Aktiven bei der Freiwilligen FW gehören.

Sehr nachdenklich stimmte z.B. der große Brand der Kirche Notre Dame in Paris. Will uns Gott etwas sagen und wenn ja was?

Bevor wir es vergessen: wir tragen auch Gott gegenüber Verantwortung für unser Leben. Nicht Gott hat sich vor uns zu verantworten, sondern umgekehrt, der Mensch wird sich vor Gott verantworten müssen. Diesen Teil unseres Lebens würden wir zu gerne ausklammern, aber das funktioniert nicht. Wie also gehen wir mit dem Dilemma um? Gar nicht bauen? Damit bloß nicht Stroh, Heu oder Holz auf dem Fundament landet? Wenn ich gar nichts tue, kann ich auch nichts falsch machen, also lasse ich es besser.

Nein, besser nicht: Untätigkeit ist Arbeitsverweigerung und damit kontraproduktiv.

Stellen sie sich die Gemeinde mal als Ruderboot vor. Wenn von 8 Rudernden  2 in der Gegend herumschauen und 2 weitere kleine Löcher in das Boot hacken, wird es niemals ankommen.

Es geht nur so, dass wir uns immer wieder am Fundament, an Jesus Christus, orientieren.

Dieses Fundament ist so kostbar. Jesus selbst wird uns auch das passende Baumaterial zur Verfügung stellen. Wir besitzen es nicht. Er selbst wird es uns als kostbare Leihgabe zur Verfügung stellen.

Das ist mal eine spezielle Form der Erbpacht. Der Besitzer trägt die Kosten. Er stellt uns nichts in Rechnung.  Weil das so ist gibt es keinen Grund furchtsam oder mutlos zu sein. Wir dürfen bauen ein jeder an dem Platz und an der Aufgabe die Gott ihm zugewiesen hat. Wir dürfen bauen mit der Gewissheit, dass Gott uns im Gericht wie durch das Feuer hindurch retten wird.

Er ist der Lebensretter, der allein aus der Todesnot rettet.

Bis an das Ende dieser Weltzeit oder unseres eigenen Lebens ermöglicht uns Gott ein Tempel des Hl. Geistes zu sein. Der Geist hilft unserer Schwachheit auf. Er schenkt uns Kraft, Liebe und Besonnenheit.

Wie wir als Tempel des Hl. Geistes Gott die Ehre geben können, wird uns als Ansporn in einer Inschrift im Dom zu Lübeck verraten. Diese Inschrift lautet:

Ihr nennt mich Licht- so seht mich doch

Ihr nennt mich Weg- so folgt mir doch

Ihr nennt mich Leben- so sucht mich doch

Ihr heißt mich schön -so liebt mich doch

Ihr heißt mich die Liebe – so folgt doch der Bahn, denn wenn ihr mich liebt, habt ihr alles getan.

 

Herzlichst

Ihre Pfarrerin Brigitte Kölling

 

 

Predigt zum 8. Sonntag nach Trinitatis: Joh.9,1-7

 

Thema: Angesehene Leute Gottes werden

             Jesus unterwegs zu mir, für mich, mit mir

Kennen sie angesehene Leute oder gehören sie vielleicht selbst zu ihnen?

 Wie sind angesehene Leute? Was tun oder was lassen sie?

 Haben angesehene Leute es in ihrem Leben zu etwas gebracht? Oder leben sie eher freundlich-unauffällig und fügen keinem anderen Schaden zu? Fragen über Fragen.

 Ein Blick in die Bibel kann uns weiterhelfen. Ich lese uns aus dem Joh.-Ev. Kap.9,1-7

Jesus gerät in einen Steinhagel als er offensichtlich noch im Tempel ist. So viel Wut entlädt sich gegen die göttliche Liebe, die er verkörpert. Er lässt die Steinewerfer hinter sich und wendet sich seinen weiteren, wichtigen Aufgaben zu.

Jesus sieht einen Mann, der ihn nicht sehen kann, weil er blind ist. Von Jesus gesehen werden,

ja mehr noch, von ihm liebevoll angesehen werden ist überhaupt das Größte u. Schönste, was uns in diesem Leben geschehen kann. Gar zu leicht fühlen auch wir modernen Menschen uns übersehen, nicht wahrgenommen. Genau wie wir im Gegenzug die Bettler in unseren Fußgängerzonen bewusst übersehen. Sie merken: ich spreche aus Erfahrung.

Jesus sieht liebevoll hin während die Jünger beurteilen. Sie stellen theologische Wissensfragen und urteilen damit über den Blinden, während Jesus ihn schlicht u. ergreifend liebt.

Die Wissensfrage der Jünger lautet: Ein Mensch nicht der Norm entsprechend, da muss ja Sünde mit im Spiel sein. Das ist eine wichtige Frage im Judentum gewesen, der Tun-Ergehen-Zusammenhang. Dieser wird ja auch in der Geschichte von Hiob noch einmal sehr deutlich. Habe ich etwas Falsches getan und deswegen geht es mir so schlecht? Zum Glück spielt das im christlichen Glauben kaum eine  Rolle.

Umso erschütterter war ich als mir eine Frau, die Muslima ist, berichtete, dass sie sich Allah gegenüber angemessen verhalten will, damit ihr kurze Zeit vorher verstorbener Sohn keine negativen Konsequenzen nach seinem Tod erfahren muss. Solche schwierigen Lebensumstände kann es nach sich ziehen, wenn man denkt: Ich darf nichts Falsches tun, dann ergeht es mir schlecht, weil Gott mich straft. Solche Gedanken nützen keinem. Damit legt man sich bloß selbst ein schweres Joch auf.

Wie gut, dass wir in Christus die Möglichkeit der Vergebung haben.

Daher auch die wichtige Frage an uns, die wir ein christliches Menschenbild zugrunde legen.

Können wir Menschen, die anders sind, vorurteilsfrei begegnen? Jeden Menschen als Unikat Gottes betrachten, der Gottes Ebenbild ist? Wir nehmen das Problem z.Zt. glücklicherweise  intensiver wahr  in der Frage des Rassismus. Sollten wir gar nichts aus der Geschichte gelernt haben!?

Also Anderssein ist keine Strafe für Sünde. Wozu dient es dann?

Wenn wir selbst unmittelbar Betroffene sind ist es besser, wenn wir nicht die Frage „warum“ sondern lieber die Frage „wozu“ stellen. Die Warum-Frage führt bloß zu einer blutenden oder weinenden Seele.

Die Wozu-Frage wird letztendlich auch erst in der Ewigkeit beantwortet werden, aber sie kann uns ansatzweise schon in diesem Leben eine Perspektive schenken.

Also wozu eine solche Lebenseinschränkung wie z.B. die Blindheit? Damit die Kraft Gottes sichtbar wird, lautet die Antwort von Jesus. Gerade im schwachen, eher verletzlichen Menschen kann sich Gott noch viel stärker offenbaren als im Exemplar Mensch mit Bärenkräften. Derjenige mit den Bärenkräften benötigt keine Hilfe.

Wer sind denn solche Menschen in unserer heutigen Zeit, an denen die Kraft Gottes sichtbar werden kann? Ich möchte ihnen gerne 3 Personen exemplarisch vorstellen.

Da ist zum einen die Amerikanerin Joni Earekson Tada mittlerweile 70 Jahre alt. Seit ihrem 17.Lebensjahr sitzt sie nach einem Kopfsprung in unbekanntes Gewässer im Rollstuhl vom Hals an gelähmt.

Da ist der Australier Nick Vuijic, der ohne Arme und Beine als erstes Kind seiner Eltern geboren wurde. Ihn hat seine Lebenssituation so belastet, dass er sich im Alter von 10 Jahren in der Badewanne das Leben nehmen wollte. Mittlerweile ist er Mitte 30, verheiratet, Vater von 4 Kindern und weltweit unterwegs als Motivationstrainer.

Und ihn und sein Schicksal kennen sie alle: Samuel Koch dieser absolut durchtrainierte Schauspieler und Sportler. In der Sendung „Wetten dass“ stürzt er so schwer, dass er querschnittgelähmt ist

Was eint diese drei wunderbaren Menschen?

Antwort: Sie bekommen immer wieder einen unbändigen Lebenswillen von Gott geschenkt.

Aber nicht genug damit, sie bezeugen das auch, dass Gott ihnen täglich aufhilft. Dass er ihr Leben prägt und lebenswert macht, trotz ihrer starken körperlichen Einschränkungen.

Ihr Leben hängt nicht an einem seidenen Faden, sd. an der Lebensschnur Gottes.

Die Verbindung zum Hl. Geist ist das, was nicht nur die drei erwähnten Personen, sd. auch uns leben lässt.

Das macht auch die Begegnung mit Menschen mit Einschränkungen so wertvoll, dass sie das Wirken Gottes in ihrem Leben noch viel stärker widerspiegeln als es Otto Normalverbraucher gewöhnlich tut. Gottes Kraft ist gerade in den Schwachen mächtig.

Durch unseren heutigen Predigttext werden natürlich nicht allein körperlich oder seelisch besondere Menschen wie der Blinde angesprochen, schließlich treffen wir uns hier in einer Ev. Kirchengemeinde und nicht in einem Blindenverein.

Nicht sehen können bezieht sich in der Bibel auch auf das geistliche Sehen. Wir sagen manchmal, ich bin mit Blindheit geschlagen. Genau das ist gemeint.

Ich habe die gesamte geistliche Dimension meines eigenen Lebens noch nicht entdeckt, weil mich die Aufgaben u. Anforderungen des Lebens zu sehr in Beschlag nehmen. Gerade in unserem Land ließ es sich in den vergangenen Jahrzehnten, was  die  äußeren Gegebenheiten angeht, auch ohne Gott leben. Selbst diese Freiheit lässt uns Gott in seiner Liebe, ohne ihn zu leben. Aber ist das sinnvoll?

Ich habe bisher noch keinen Menschen getroffen, der es nicht als absolutes Geschenk u. Höhepunkt seines Lebens empfunden hätte, wenn ihm durch das Wirken des Hl. Geistes die Augen geöffnet werden, wenn er von seiner geistlichen Blindheit geheilt wird.

Manchmal braucht es dazu erst schmerzhafte Lebensumstände, die uns zurück in die Arme Gottes treiben.

Jesus wendet sich uns liebevoll zu, bevor wir noch irgendwie aktiv werden könnten.

Noch bevor der Blinde eine Bitte um Heilung an Jesus richtet, hat er schon eine Mischung aus Lehm u. Speichel auf seine Augen gestrichen.

Jesus weiß, was wir Menschen bitter nötig haben. Er ergreift die Initiative, drängt sich aber gleichzeitig auch nicht auf od. stülpt uns etwas über.

Als Ausdruck seines Einverständnisses mit dem Handeln Jesu geht der Blinde, wie ihm Jesus aufgetragen hat, zum Teich Siloah und wäscht sich dort.

Wer Jesus beim Wort nimmt und tut was er sagt dem werden die Augen aufgetan u. der erkennt, Jesus in seiner ganzen Herrlichkeit uns Menschen zugewandt.

Ich möchte es an einem Bsp. verdeutlichen: da ist das junge Mädchen, das sich in einer tiefen Beziehungskrise vertrauensvoll an Gott wendet. Von Gott erwartet sie Hilfe, weil für sie völlig unerwartet von einem Tag auf den anderen  die Beziehung schwer angeschlagen ist.

Gott hört ihre Bitte um Hilfe sofort. Nun hat sie zwar keinen Freund mehr, aber sie hat einen wunderbaren Freund in Jesus gefunden. Er wird sie ein Leben lang u. in Ewigkeit begleiten.

Seine Liebe erkaltet niemals. Als Zeichen dafür trägt sie nun ein kleines goldenes Kreuz anstelle des silberfarbenen Herzchens mit dem Vornamen des Freundes.

Das geschieht, wenn man sich vertrauensvoll an Jesus wendet.

Damit Gott die geistlichen Augen seiner Menschen öffnen kann, arbeitet er mit etwas Vorlauf.

Er bereitet sozusagen die Situation vor u. dazu gebraucht er gerne Menschen. Menschen, die bereits mit ihm in einer engen Lebensgemeinschaft verbunden sind.

Die Kraft Gottes an einem Menschen wird sichtbar, wenn Jesus, das Licht der Welt, mitten hineinkommt. Dazu braucht es Hinweisgeber: „Wir alle müssen die Aufgaben dessen, der mich gesandt hat, rasch erfüllen.“ Nicht hektisch aber zielgerichtet gilt es sich für das Reich Gottes einzusetzen. Als Christ zu leben ist kein Privatvergnügen sondern eine Verpflichtung dem Nächsten zu dienen, wie es für sie oder ihn hilfreich ist.

Da ist z.B. die junge Berufsanfängerin, die in einem anspruchsvollen Beruf zu ihrem Glück eine Stelle bekommen hat. Sie hilft über einen längeren Zeitraum 2 Studenten gleichzeitig bei den jeweils unterschiedlichen Vorbereitungen für deren Master-Abschlussprüfungen.

Die junge Frau ist vor noch gar nicht allzu langer Zeit vom Hinduismus zum christlichen Glauben konvertiert. Es wird die beiden Studenten, die Hindus sind, nicht nur menschlich beeindrucken, sondern sie auch darüber ins Nachdenken bringen, warum die junge Frau so viel Zeit u. Liebe in die Examensvorbereitung   der Leute steckt, die mit ihr im gleichen Wohnheim leben.

 Unser Reden u. Handeln bleibt nicht ohne Wirkung. Wir säen damit gute Saat in den Herzen unserer Mitmenschen aus.

Jesus legt uns das dringend ans Herz wenn er sagt: „Wir müssen die Aufgaben rasch erfüllen. Nicht mehr lange u. die Nacht bricht herein, in der niemand mehr etwas tun kann.“

Ich möchte nicht als Untergangsprophetin erscheinen, aber es darf uns sehr nachdenklich machen, dass es durchaus  eine Nacht der Gottesferne gibt, in der es fast nicht möglich ist, von Jesus zu erzählen. Denken wir z.B. an Länder wie Nord-Korea, China oder Pakistan dann begreifen wir den Ernst der Lage.

So lasst uns also motiviert mit Jesus, durch Jesus u. für Jesus die Aufgaben tun, die Gott für uns bestimmt hat. So allein bekommen wir ein sinnerfülltes Leben, in dem Gott den Ton angibt und die Richtung vorgibt.

Er wird uns gewiss zeigen, wie und wo wir ihm dienen können und wie unser ganz persönlicher Einsatz notfalls auch mit Lehm und Speichel aussehen soll.

Lasst uns in diesem Sinn bis in das Zentrum  unseres Lebens hinein als von Gott angesehene Leute leben und handeln.

 

Einen gesegneten Sonntag und

liebe Grüße

Brigitte Kölling

Predigt zum 6. Sonntag nach Trinitatis: 5. Buch Mose 7, 6-12

Liebe Gemeinde,

was für ein schöner Bibeltext zum sogenannten Taufsonntag! Wir haben ihn in der Lesung schon gehört, ich zitiere nur noch einmal ein paar Verse aus dem o.g. Abschnitt: „Nicht hat euch der Herr angenommen und euch wählt, weil ihr größer wäret als alle Völker, denn du bist das kleinste unter allen Völkern, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, der er euren Vätern geschworen hat.“

          Es ist ein Text, der am sogenannten ,Taufsonntag‘ im Kirchenjahr unsere Bindung an Gott und unsere Zuversicht auch als christliche Kirche dazuzugehören in den Mittelpunkt rückt. Es ist aber auch ein Text, der auf seiner Rückseite, wir haben die Verse 1- 5 ja noch nicht gehört, eine starke Abgrenzung hat. Denn das Eigentumsvolk, das ins gelobte Land einzieht, hatte davor andere Völker zu verdrängen, so sieht es der biblische Text hier vor.  Wir wollen auch diese Verse kurz wahrnehmen:

„Wenn dich der Herr, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen und er ausrottet viele Völker vor dir her, die Hetiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, sieben Völker, die größer und stärker sind als du, und wenn sie der Herr dein Gott vor dir dahin gibt, dass du sie schlägst, sollst du an ihnen den Bann vollstrecken…so sollt ihr ihre Altäre einreißen und ihre Steinmahle zerbrechen und ihre Götzenbilder mit Feuer verbrennen…“ (7, 1-5) Schwierige Worte mitten im Worte Gottes…

          Da ist einerseits diese wunderbare Zusage, dass Gott sein Volk erwählt hat und liebt. Grundlos, bedingungslos. Denn er hat sich ein Volk ausgesucht, das keinerlei Vorzüge hat, das nicht groß ist, das sogar von Gott selbst  auch schon ,halsstarrig‘ genannt wurde, als er Mose den Einzug ins Gelobte Land verkündet. Wer wollte ein kleines, überhaupt nicht mächtiges Volk, das auch noch als schwierig gilt schon haben und es lieben als sein Eigentumsvolk? Gott will es und er verspricht es Israel. Nur deshalb, um seiner Liebe willen hat er es aus Ägyptenland aus der Knechtschaft geführt aus reiner Liebe und Anhänglichkeit, so sagt uns der Bibeltext.

          Wir finden in diesem Text eines der Hauptthemen im Alten Testament wieder: Die göttliche Erwählung des kleinen und geringen. Des kleinen und unwichtigen Volkes, des jüngeren Sohnes, der sich das Erstgeburtsrecht erschleicht, wie Jakob z.B.. Ein anderes Beispiel ist das Kind der eigentlich fremden jungen Witwe, das unvorhergesehene und ungeplante Enkelkind der Noomi, des Sohnes der Rut, genannt Obed, der Vater Isais und damit Großvater Davids. Und das Thema des kleinsten und geringsten begegnet uns im AT bald wieder als das Thema des jüngsten Sohnes, des Kleinsten, David, der stärker ist als der größte Riese, Goliath. Und der kleinste, beinahe vergessene erweist als der Gesalbte, der künftige König. Und hier sind wir schon auf der Spur unseres Herrn, Jesus Christus, des Menschensohnes, der für uns als Messias und Gottessohn, die ganze Liebe Gottes auf sich vereinen konnte. Er ging zwar scheinbar den unteren Weg, dem Weg von Krippe und Kreuz, der in Wahrheit natürlich der höhere Weg, der Weg der Liebe wie Paulus im 1. Korintherbrief in Kapitel 13 darlegt. Gerade auf diesem scheinbar unteren Weg, der doch der höhere Weg ist, hat er uns die Gnade Gottes zugeeignet. Hier sind wir also in den Bund mit Gott, hineingenommen, hineingenommen in die frohe Botschaft, die wir auch im ersten Teil der Bibel schon entdecken können und wir freuen uns, dass wir mit hineingenommen werden in diesen Bund der Liebe durch unsere Taufe!

          Aber auf der anderen Seite hören wir heute Verse, die uns auch verstören können, weil wir auch gewarnt werden, nur einen Zentimeter von diesem Weg abzuweichen:  „Und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen,“ heißt es in Vers 10. Hier also wird mit Ausschluss gedroht. Und die Verse, die wir zuvor schon gehört haben, 1-5 verstören uns noch mehr. Denn das ist Kriegstheologie pur: „Wenn dich der HERR, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen, und er ausrottet viele Völker vor dir her, die Hetiter, Girgaschiter, Amoriter etc. , sieben Völker, die größer und stärker sind als du, und wenn sie der HERR, dein Gort vor dir dahin gibt, dass du sie schlägst, so sollst du an ihnen den Bann vollstrecken.“

          Den Bann vollstrecken heißt eigentlich nichts anderes als ausrotten oder dezimieren! Nun muss man sehr vorsichtig sein mit diesen Aussagen. Niemals, so sagt die Altertumskunde, war Israel militärisch stark genug, diese Dinge zu tun. Aber selbst wenn es diese Kriege gegeben hätte, so müssen wir uns dennoch heute von solcher Art Kriegstheologie lossagen und trennen. Krieg führt die Menschheit immer in die Katastrophe, heute ist die Gefahr größer denn je und ist zu vermeiden, das lehrt uns nicht zuletzt auch unsere europäische Geschichte.

Und auch das babylonische Exil war eine Erfahrung für Israel, die letztendlich zum Segen des Überlebens des jüdischen Glaubens geführt hat: Im Exil, als kleine Gruppe in Babylon, konnte der Glaube an JHWH, den Gott Israels, in gewisser Weise in viel stärker geschützter Form überleben als im Lande selbst. Es ist zwar ein Paradox, aber so ist es: Eine unterdrückte Minderheit hält häufig an ihren Glaubensüberzeugungen stärker fest als eine im Wohlleben begriffene Mehrheitsgesellschaft es je tun wird.

Vergleichen wir junge christliche Gemeinden in Afrika oder Lateinamerika mit unseren säkularisierten, städtischen Umwelten, werden wir ohne Zweifel ein scheinbar engeres Verhältnis zum christlichen Glauben und engeres Verhältnis zur Gemeinde selbst finden als bei uns.

Aber was wir dagegen in Afrikas christlichen Gemeinden finden, ist einerseits eine starke Gemeinschaftsbildung mit Konzentration auf dem Sonntag aber andererseits auch eine starke gefühlsmäßige Abneigung gegenüber anderen Religionen. Es ist, als müssten manche Menschen und Gemeinschaften die Fehler wiederholen, die andere schon zu überwinden beginnen. In Afrika, so hörte ich von Christen selbst, werden muslimische Nachbarschaften von christlichen Gemeinden abgewertet und es kommt zu Konflikten. Möge der Geist des Friedens die christlichen Gemeinden leiten!

          So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält, denen die ihn lieben und seine Gebote halten.“ So gehört zu diesem ewigen Bund mit Gott auch ein Versprechen seiner Menschen, nämlich die Gebote zu halten. Wenn ich dazu gehören will, dann habe ich Rechte und Pflichten. Und wer diese Rechte und die Pflichten verletzt, der kann ausgeschlossen werden aus einer Gruppe. Und so ist es ja auch in den wirklich sehr frommen Gemeinschaften.

          Ein zeitgenössischer Soziologe, Ulrich Beck, hat sich einmal mit dieser Frage auseinandergesetzt hat, und sagt dazu: Es „taucht eine neue, vielleicht in Zukunft außerordentlich wichtige Konfliktlinie auf, und zwar zwischen solchen Glaubensströmungen, die auch dem Zweifel Raum geben, ja darin ein Moment der Rettung der Religion selbst sehen, und denjenigen, die, um den Zweifel abzuwehren, sich in der konstruierten ,Reinheit‘ ihres Glaubens verbarrikadieren.“ (U. Beck, Nachrichten aus der Weltinnenpolitik, Berlin 2010, S. 119) „Wo nationale Feindbilder regieren, stirbt als erstes die Toleranz zwischen den Religionen.“ (daselbst) „Wie wird ein Typus interreligiöser Toleranz möglich, bei dem Nächstenliebe und Glaubensfeindschaft nicht zwei Seiten der Gottesgewissheit sind? Ein Typus von Toleranz also, dessen Ziel nicht Wahrheit, sondern Frieden ist?“ (Beck S. 120f.)

          Und Ulrich Beck erinnert in diesem Zusammenhang an Lessings Nathan den Weisen: „In  der Ringparabel sah Lessing bereits den Widerspruch zwischen der einen Wahrheit und der kosmopolitischen Anerkennung der vielen Religionswahrheiten voraus. Die Weisheit Nathans liegt allerdings in der List begründet, nicht Wahrheit gegen Frieden auszuspielen, sondern beide Ziele - Wahrheit und Frieden - gleichberechtigt nebeneinander zu verfolgen. In der Sprache der Parabel gesprochen: Es muss beides geben - den einzigen Ring und die vielen Ringe, die die Söhne, die den jeweiligen Ring vom Vater erben, für den einzigen halten können und müssen. Jeder Ring ist also der ,einzige‘ Ring, den es nicht gibt“ (Beck, Nachrichten aus der Weltinnenpolitik, S. 121). Rein und einzig gibt es den Ring also gar nicht. Erst im Zusammenhang von drei Ringen ist er da. Und tatsächlich kann nur im Festhalten des Glaubens daran, den einzig richtigen zu besitzen, kann die Wahrheit gelebt werden. Daß es drei sind, entwertet nicht den einzelnen Ring für den jeweiligen Sohn.

          Lasst uns doch diesem Gedanken folgen, dass wir würdig sind, im Besitz eines Ringes zu sein. Gott hat uns, das wissen wir doch, in den Bund mit Israel mit hinein genommen. Wir dürfen und können das Eigentumsvolk Israel als Kirche nicht ersetzen! Wir sind andersartige Frucht, ein Pfropf auf kostbarer uns tragender Wurzel. Und auch neben uns wurde ein Pflänzchen gepflanzt, uns ähnlich und doch so ganz anders: Der Islam. Woher er kam? Ein Gedanke Gottes oder doch nur Mohammeds, wer weiß es. Ein neuer Sämling, der nun nicht auf unserer Wurzel siedelt und uns und unsere Propheten doch kennt und schätzt, dabei aber Gott anders nennt und ganz anders anredet. Aber was sollte uns denn kränken, an diesem so alten Gedanken Lessings aus dem 18. Jahrhundert : es sind drei Ringe im Spiel, die alle äußerlich ganz gleich sind, die alle wertvoll, geliebt und geachtet werden bei Gott? Sicherlich werde ich die Einzigartigkeit meines Glaubens in Jesus Christus und sein Evangelium behaupten und verteidigen. Aber warum sollte ich mit einer benachbarten jüdischen oder muslimischen Gemeinde nicht kooperieren, zum Beispiel für ein gutes Stadtviertel oder eine gute Schule. In den USA soll das hier und da schon fortgeschritten sein. Beck schreibt: „Hier ergreifen die religiösen Gruppen wechselseitig für die praktischen Anliegen der anderen Partei und engagieren sich auch gemeinsam für Schulanliegen, im Kampf gegen Armut und Ausgrenzung sowie für die Integration.“ Und hat nicht die Demonstrationswelle in den USA und weltweit gegen Rassismus nicht gezeigt, wie notwendig es ist, sich füreinander einzusetzen, weil Ausgrenzung, nicht nur aber auch Rassismus, so schnell lebensbedrohlich für jeden von uns werden kann? Egal welcher Hautfarbe, Religion und Geschlechts? Und auch im Wettstreit der Wahrheit ist es doch besser zu kooperieren gegen die Feinde des Lebens, gegen die Feinde der Demokratie und der Freiheit als uns im abgrenzenden Wettstreit der Religionen kriegerisch zu begegnen! 

          Denn der Mensch ist auch nach christlicher Ansicht erst da recht erkannt, wo er im Angesicht Gottes steht. Wissen Sie, liebe Gemeinde, gerade die Corona-Pandemie, das heißt doch übersetzt: Weltweit-Erkrankung, zeigt doch wie wichtig Zusammenarbeit ist beim Erforschen und Weitergeben von Wissen. 

          Was aber auch für uns, für dich und für mich heute bleibt von diesem Bibeltext mit den zwei Seiten, was weiter Bestand hat, ist die Erwählung im Bund, wir sahen: in der Bibel immer auch und zuerst die Erwählung des kleinen und geringen, des geliebten Sohnes, der geliebten Tochter. Und in diese Reihe gehören auch wir, mit einem Ring beschenkt, wenn nicht gekrönt, ein jeder und eine jede von uns. Haben Sie schon einmal vom Brauch, einen Ring zur Taufe, zu verschenken gehört? Es ist dies ein kleines Ringlein, vom Säugling an der Kette getragen, der bedeutet: Du gehörst dazu, trägst Gottes Ring und Gott ist dir treu, komme, was wolle. Amen.

Stefanie Pensing

Sonntagsgedanken zum 5. Sonntag nach Trinitatis im Kurpark

Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete uns sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf Dein Wort hin will ich die Netze auswerfen! (Lukas 5, 4-5)

 

Liebe Gemeinde,

eine Frau erzählt: „Ich gebe es zu. Ich spiele Lotto. Nur drei Reihen, und nur an den Samstagen. Wenn der Alltag grau und mühsam ist, dann weiß ich: Schon am Samstag könnte ich den Hauptgewinn  ziehen! Und wen ihr mich dann am Sonntag auf dem Handy nicht erreicht, bin ich schon fort: Nach Afrika - oder einfach an die Nordsee. (…) Und arbeiten tue ich nur noch, was Spass macht. Oder gar nicht mehr…“ (Andacht in UK, 12.07.20)

            Vielen von uns geht es doch so, nicht wahr? Ob wir nun Lotto spielen oder anderen Träumen vom unfassbar-plötzlichem Glück hinterherhängen … Reichwerden durch einen Gewinn, was würden wir dann tun? Ein ganz anderes Leben führen, als das, was wir kennen, ausbrechen oder einfach nur in das investieren, was wir schon immer vorhatten, ein neues Bett, eine größere Wohnung, eine schöne Reise, aber nur vorübergehend?

            Petrus ist es einmal so gegangen, dass er plötzlich vor einem großen Gewinn stand! Fischer, das sind am See Genezareth keine reichen Leute gewesen, Fischer sind abhängig vom Fisch, und der ist schwer zu fangen. Petrus durfte es gekannt haben, einen Tag ging es gut, einen anderen ging es schlecht. Und wenn es nur der Fang für die Familien der eigenen Leute ist, auch dann muss man zufrieden sein, denn Fisch, das ist immerhin Protein, das ist wichtig zum Leben und Überleben. Aber in der vergangenen Nacht war Petrus glücklos gewesen. Und doch mussten die Netze gesäubert werden, das müssen sie nach jedem Fangzug. Als sie dieser morgendlichen Routine nach dem nächtlichen Fangzug nachgehen, kommt Jesus des Weges. Nun ist Jesus kein Unbekannter mehr am See Genezareth, das muss man hinzufügen. Er hat in Kapernaum, einer kleinen Grenzortschaft zwischen den kleinen Reichen zweier Herodessöhne, schon häufiger von sich reden gemacht. Vielleicht liebte er den See, schaute gern den Fischern zu oder hatte andere Gründe, sich häufiger dort aufzuhalten. Es ist jedenfalls ein schönes Fleckchen Erde, das kann ich bestätigen, dort im Norden am See. Es ist in den heißen Wochen dort auch immer ein bisschen kühler als andernorts in Israel.

            Im vorhergehenden, 4. Kapitel, wird erzählt, wie Jesus gerade in Kapernaum einiges tun konnte für die Menschen dort. Er heilte einige wundersam, darunter auch die Schwiegermutter des Petrus. Und so kennt Petrus ihn wohl schon und andere auch, als Jesus sich entscheidet zu reden. Und er bittet Petrus, ihn auf den See heraus zu rudern, damit das Schiff wie eine kleine Kanzel wird. Wie eine Seebühne muss man sich das vorstellen. In einer Seebühne ist die Akustik auch besonders gut. Was wird er wohl gesprochen haben? Da gäbe es sicherlich einiges, was wir schon kennen, was er gesagt haben könnte. Wiederholen sich nicht alle Prediger irgendwie und haben eine grundständige Theologie, die sie eigentlich nur variieren? Von der bedingungslosen Liebe zu Gott dem Vater und von Gott dem Vater zu seinen Kindern könnte er gesprochen haben. Von der Umkehr zu diesem Vater und von den neuen Geboten, die die alten Gebote vertiefen, neu interpretieren und neu ins Recht setzen. Vielleicht von den Lilien auf dem Felde und den Vögeln unter dem Himmel, wie sie sammeln, aber nicht in Scheunen, und Gott ernährt sie doch…

            Ja, warum stellen wir uns nicht  vor, dass er eine kleine Seepredigt gehalten hat, die der Bergpredigt ganz ähnlich gewesen ist? Es würde in unserem Kontext jedenfalls viel Sinn machen, dass die großen Verheißungen, die  verschiedenen Seligpreisungen, auch zur Sprache gekommen sein könnten. Denn auch Petrus wird auch mindestens einer dieser Verheißungen teilhaftig, wie wir gleich sehen werden.

            Als nun die Rede geredet ist, ein guter Redner weiß um das rechte Maß, könnte Petrus Jesus an Land rudern. Der hat aber noch keine Lust dazu und schlägt Petrus vor, noch einmal hinauszufahren und die Netze auszuwerfen. Wahrscheinlich hat Petrus ein wenig überheblich gelächelt („Wer ist hier der Fachmann?“) als er antwortete: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen!“ Ja, weiß er denn nicht, dass der See Genezareth ein Nachtrevier ist, wo die Fische am Tage größere Tiefen aufsuchen und nur nachts an die Oberfläche kommen? Eigentlich hätte er ja jetzt auch ein Recht auf Feierabend, aber vielleicht ist schon so etwas wie Freundschaft entstanden zwischen den beiden, und so mag er es dem Freund nicht abschlagen. Vielleicht ahnt er auch, dass dieser hier mehr vermag als andere und wenn er etwas andeutet oder verspricht ist es auch Erfolg versprechend! Und dann passiert etwas, was Petrus nicht glauben konnte: Ein riesiger Fang sammelt sich im Fischernetz, größer als er mit seinen Mitarbeitern im Boot einholen könnte. Er muss noch ein anderes Boot dazu rufen, damit es ihnen gelingt und sie den Fang sichern können. Was für ein Glück, nach glückloser Fahrt nun den größten Fang, den man sich vorstellen kann. Was hätte Petrus damit alles anfangen können? Einige Wochen sorglos leben, zum nächsten Tempelfest fahren können, ein neues Boot oder wenigstens neue Netzte und ein neues Segel kaufen können!

            Doch Petrus ist so erschüttert, das er Jesus nicht einmal danken kann: Er sagt nur noch: „Herr, geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch.“ Er fühlt so sehr einen unermesslichen Abstand zwischen diesem denkwürdigen Rabbi und seinen Wundern und sich selbst. Vielleicht ahnt er schon, was nun kommt und will es verhindern. Denn jetzt, in dieser Situation, entscheidet sich seine Existenz: Bleiben bei den Netzen oder weggehen, mitgehen mit diesem Jesus von Nazareth?! Er sinkt auf die Knie und sagt wie es ist: „Geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch!“ Aber Jesus lässt ihn nicht, sondern ruft ihn, aber sanft: „Fürchte dich nicht!“ sagt er, „Von nun an wirst du Menschen fangen!“ Und Petrus, und nicht nur er, geht mit, geht weg. Er verlässt Schwiegermutter, vielleicht Frau und Kind, die Netze, das Haus. Sicher gibt es jemand, der sich kümmert oder er hat fest vor, sich zu kümmern, auf jeden Fall geht er ein großes Risiko ein und geht mit. Er folgt dieser Berufung. Er wird, das wissen wir, kein Heiliger, er bleibt der sündige Petrus, im Sinne von wankelmütig und ängstlich, nicht frei von Eitelkeit. Er ist und bleibt einfach Mensch, so wie Du und ich. Aber er weiß sich neu gebunden durch diesen Ruf und er vertraut Jesus. Er geht mit und andere mit ihm wie die Söhne des Zebedäus, seine Freunde.

            Wenn wir sagen: „Geh mit Gott“, dann meinen wir etwas ähnliches. Denn ein Aufbruch ist immer ein Wagnis, selbst eine kleine Urlaubsreise kann, das wissen wir nicht erst seit heute, lebensverändernd oder sogar lebensbedrohlich sein. Da brauchen wir allen Segen, den wir bekommen können.

„Geh mit Gott und kehr’ heile wieder!“, so hören wir dann und freuen uns darüber. Ein Wagnis aber bleibt jede Reise, sei es eine Vergnügungstour oder eine Auswanderung, und nicht zuletzt sondern zuerst ja die Flucht.

            Die Frau vom Anfang, die stellte sich vor, wie der große Gewinn ihr Leben verändern wird und sie hatte vor, auf jeden Fall weit zu reisen. Aber dann hat sie noch einmal nachgedacht, auch über unsere Geschichte und Petrus’ Geschichte nachgedacht und kam dann zu dem Schluss: „Ich gebe es zu, ich spiele Lotto. Und wenn ihr mich am Sonntag nicht auf dem Handy erreicht, dann geht ruhig in meine Wohnung - auf der Kommode liegt der Lottozettel mit dem Hauptgewinn: Nehmt ihn und macht was Gutes damit! Ich aber bin mit Jesus gegangen. In den Gottesdienst (…) mit den anderen.“

 

Sich selbst treu bleiben und dem Herrn treu bleiben, das geht, indem man mit ihm geht. Auch im scheinbar grauen Alltag von Mensch und Kirche können wir manches erleben und erreichen.

Die Corona-Krise ist zugegebenermaßen eine große Herausforderung für uns alle, für die Kirche, die Ökumene, für jeden Einzelnen. Da möchte man schon gerne ausbrechen, sich die Augen wischen und denken, es ist alles wieder wie früher.

Aber das funktioniert nicht. Wir können nicht alles tun, was wir früher schön fanden und liebten. Singen zum Beispiel! Singen geht nicht, jedenfalls nicht in der Gemeinde, und nicht in Chören. Das ist eine Herausforderung für uns. Aber wir sind auch ohne Gemeindegesang mit Jesus unterwegs, einzeln und als Kirche!

            Unseren Werten treu bleiben und dem Herrn Jesus Christus treu bleiben, das ist jeden Tag wieder neu. Das müssen wir auch als Einzelne immer wieder tun, herausgefordert durch neue Lebensumstände wie Krankheit, Trennung oder Verluste. So heißt die Herausforderung an uns einzelne und uns Kirchen heute: „Bleib Dir treu, aber geh mit Gott!“  So wie ein schöner Reisesegen es ausdrückt, der heute am Gottesdienstende noch erklingen wird, auch er – ungesungen –  für heute:

 

„Möge die Straße uns zusammenführen und der Wind in deinem Rücken sein, sanft falle Regen auf deine Felder und warm auf dein Gesicht der Sonnenschein. Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand, und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand.“ Amen.

 

Stefanie Pensing

Sonntagsgedanken zum 4. Sonntag nach Trinitatis

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.

39 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?

40 Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister.

41 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge; und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr ?

42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge ? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst! (Lukas 6)

 

Liebe Gemeinde!

In diesem Text werden einige heiße Eisen angefasst. Zuerst die Aufforderung: Seid barmherzig! Danach die Warnung : richtet nicht!

Im Grunde ist das entgegengesetzt zu dem unsrigen Verhalten. Denn es liegt näher zu richten, als barmherzig zu sein. Richtet und seid nicht barmherzig, das ist wohl eher das Motto des Zusammenlebens. Damit ist ein Grundproblem des menschlichen Zusammenlebens angesprochen, vielleicht haben wir sogar eigene Erfahrungen damit gemacht.

Ich finde es schwer über diesen Text zu reden, zu predigen, denn allzu leicht gerate ich dann in die Rolle des Richtenden. Das möchte ich nicht, denn dieser Satz gilt für mich genauso hart.

Ich möchte darum andere Texte der Bibel zu diesem Text reden lassen. Zur Aufforderung "Seid Barmherzig" kommt mir das Gleichnis vom sogenannten "Verlorenen Sohn" in den Sinn. Ich lese es einmal vor:

Text : Lukas 15, 11-32  Vom verlorenen Sohn

11 Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne.

12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie.

13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.

14 Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben

15 und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten.

16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm.

17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger!

18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.

19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner!

20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater.

Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.

21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.

22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße

23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein!

24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen

26 und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre.

27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat.

28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn.

29 Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre.

30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.

31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.

32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

 

Natürlich ist der junge Sohn unvernünftig. Er scheitert ganz brutal mit seinem Lebensstil, seine Lebensplanung fällt voll ins Wasser. Ob er selbst die Schuld daran trägt lassen wir einfach mal dahingestellt. Er wagt - mit dem Mut der Verzweiflung - den Weg nach Hause anzutreten. Er rechnet mit allem. Er selbst möchte schon nicht mehr der Sohn sein, er wäre schon dankbar wenn er als Knecht bei seinem Vater sein dürfte. Aber er erlebt die Barmherzigkeit seines Vaters, der ihn in die Arme schließt, ohne ihn zuvor mit einer Welle von Vorwürfen überschüttet zu haben. Mehr noch, der Vater läuft ihm entgegen und schließt ihn in seine Arme. Eine riesige Familienfeier findet statt. Der junge Sohn erlebt Barmherzigkeit, von der er nicht einmal zu träumen wagte.

Aber was ist mit dem älteren Sohn? Er ist sauer, er wäre gegenüber seinem Bruder nicht barmherzig gewesen und hätte sich gewünscht, daß der Vater mit harter Hand durchgreift und den jüngeren Bruder hinausweist. Aber im Gegenteil . der ältere Sohn wird noch befragt, warum er denn nicht auch froh ist. Tatsache ist beide Söhne leben von Barmherzigkeit: Der jüngere erlebt sie  in der herzlichen Aufnahme nach seinem Scheitern, der ältere Sohn erlebt die Barmherzigkeit des Vaters jeden Tag. Für ihn ist sie selbstverständlich gewesen, darum bemerkte er sie nicht mehr.

Wie ist es mit unserer eigenen Barmherzigkeit? Ist nicht für uns auch schwer barmherzig zu sein, obwohl Tag für Tag aus der Barmherzigkeit leben?

Zur Forderung: richtet nicht fällt mit die Geschichte vom verlorenen König ein:

2. Sam 12, 1-15

12 1 Und der HERR sandte Nathan zu David. Als der zu ihm kam, sprach er zu ihm: Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm.

2 Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder;

3 aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte. Und er nährte es, dass es groß wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß und er hielt's wie eine Tochter.

4 Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er's nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war, sondern er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war.

5 Da geriet David in großen Zorn über den Mann und sprach zu Nathan: So wahr der HERR lebt: Der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat!

6 Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das getan und sein eigenes geschont hat.

7 Da sprach Nathan zu David: Du bist der Mann! So spricht der HERR, der Gott Israels: Ich habe dich zum König gesalbt über Israel und habe dich errettet aus der Hand Sauls

8 und habe dir deines Herrn Haus gegeben, dazu seine Frauen, und habe dir das Haus Israel und Juda gegeben; und ist das zu wenig, will ich noch dies und das dazutun.

9 Warum hast du denn das Wort des HERRN verachtet, dass du getan hast, was ihm missfiel? Uria, den Hetiter, hast du erschlagen mit dem Schwert, seine Frau hast du dir zur Frau genommen, ihn aber hast du umgebracht durchs Schwert der Ammoniter.

10 Nun, so soll von deinem Hause das Schwert nimmermehr lassen, weil du mich verachtet und die Frau Urias, des Hetiters, genommen hast, dass sie deine Frau sei.

11 So spricht der HERR: Siehe, ich will Unheil über dich kommen lassen aus deinem eigenen Hause und will deine Frauen nehmen vor deinen Augen und will sie deinem Nächsten geben, dass er bei ihnen liegen soll an der lichten Sonne.

12 Denn du hast's heimlich getan, ich aber will dies tun vor ganz Israel und im Licht der Sonne.

13 Da sprach David zu Nathan: Ich habe gesündigt gegen den HERRN. Nathan sprach zu David: So hat auch der HERR deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben.

14 Aber weil du die Feinde des HERRN durch diese Sache zum Lästern gebracht hast, wird der Sohn, der dir geboren ist, des Todes sterben.

15 Und Nathan ging heim.

Und der HERR schlug das Kind, das Urias Frau David geboren hatte, sodass es todkrank wurde.

 

Der König David hatte wirklich einen großen Fehler gemacht. Er hatte nicht nur mit der Frau Urias die Ehe gebrochen - ein Verstoß gegen Gottes Gebot. Nein, er hatte auch noch Uria in den Tod geschickt, im Grunde ihn getötet.

Und nun wird er zum Richter. In der Geschichte urteilt David knallhart. Doch dann wird ihm der Spiegel vorgehalten. Du hast über dich selbst geurteilt, du hast dich verurteilt.

So leicht es David fiel, ein Urteil über einen andern zu sprechen, so schwer fiel es ihm, die Folgen aus seiner Verurteilung zu tragen. David erlebte, was es heißt zu richten und damit selbst gerichtet zu werden.

Mehr möchte ich zu den beiden Hauptforderungen heute nicht sagen. Jeder und Jede von uns hat eigene Erfahrungen - im guten und im Schlechten - mit diesen Sätzen der sogenannten Feldrede Jesu.

Dieser Abschnitt aus dem Lukasevangelium kann uns immer daran erinnern, uns gegenüber unseren Nächsten so zu verhalten, wie wir es für uns selbst wünschen würden. Oder mit einen Sprichwort gesagt:  "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu." Oder ins positive gewendet heißt es: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Amen.

Es grüßt ganz herzlich
Pfarrer Dietmar Groening-Niehaus

Predigt zum 2. Sonntag nach Trinitatis zu Matthäus 11, 25-30

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hat und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Luther, 2017)

Liebe Gemeinde,

„eine Perle des Evangeliums“ nannte einmal ein historischer Ausleger unserer Textstelle. Denn es ist Jesus, der hier selbst zu uns redet, und zu Gott gleichzeitig, so dass wir in dieser kleinen Bibelstelle aus dem Matthäusevangelium quasi das ganze Evangelium des Neuen Testaments vorfinden: Der Sohn schließt uns den Himmel auf, der Weg zum Vater ist für uns Kleine, einfältige, mühselige und beladene Menschen frei! Ist es nicht das, was uns immer wieder kommen lässt zu Ihm, zu Gott, hier in die Kirche, die Sehnsucht und das Ahnen, dass er alles gut werden lassen kann, selbst in kritischster Situation, und von denen hatten wir ja und haben wir im Augenblick ja nun noch wirklich genug! Die Corona-Pandemie schreibt rund um den Globus mit dem roten Stift des Schreckens Wörter an die Wand. Wörter, die uns ebenfalls in Angst und Schrecken versetzen: Krankheit, Tod, Einsamkeit und Ohnmacht, wirtschaftliche Not, ja Hunger sind solche Worte, die uns nicht zu Ruhe kommen lassen. Und die letzten Ereignisse, 32 km Luftlinie von uns entfernt, in der riesigen Schlacht-Wurstfabrik von Tönnies wird ein neues Kapitel aufgeschlagen!

Und in Lateinamerikas Ländern wütet das Virus mit unverminderter Wucht weiter…

Dabei hatten wir uns doch schon wieder ein klein wenig erholt. Hatten etwas Frieden für unsere Seelen und Körper gefunden, in der Eisdiele, auf dem Marktplatz, im Park, wo wir wieder Menschen, die wir kennen und gern haben treffen und miteinander reden konnten. Und war nicht auch das die Einsicht aus den letzten Wochen, das es so wenig ist, was wir brauchen: Nur ein paar liebe Menschen, die an uns denken und uns nicht vergessen, ein paar Lebensmittel, die uns zur Not bis an die Haustür gebracht werden konnten. Und die Apotheke lieferte ja auch, verlässlich wie immer! Ein kleines soziales Netz, das trägt…zur Not nur einen einzigen Menschen!, aber den braucht man, wie Mascha Kaléko, die galizisch-deutschen Autorin aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts dichtete:

Man braucht nur eine Insel

allein im weiten Meer

man braucht nur einen Menschen,

den aber braucht man sehr.

Und wissen Sie nicht, ja weißt Du nicht, dass auch Jesus Christus, dieser eine Mensch für Dich sein will: Ein Mensch, zu dem alle Zugang haben, als sei es unser einziger Freund, unsere einzige Freundin, weil er die Kraft und die Geduld und die Aufmerksamkeit hat, die sonst nur Gott haben kann, in seiner alles umfassenden Macht als Schöpfer und Bewahrer und Erlöser.

(… aus Platzgründen: Auslassung des gesprochenen Wortes der Predigt)

In der Pfingstzeit reden wir häufig über den Heiligen Geist und rufen ihn an und wollen, dass er uns belebt und auf neue Wege schickt, und doch gibt es ja deutliche Hinweise in der Bibel, dass der Heilige Geist sowohl immer überraschend und seine „Windrichtung“ unbekannt ist und dass er seinen Weg auch in der Stille findet. Im Johannesevangelium sagt Jesus zu Nikodemus: „Der Wind bläst wo er will und du hörst sein Sausen wohl, aber du wisst nicht, woher er kommt und wohin er fährt.“ Joh. 3, 8

Und ein fast noch deutlicherer Hinweis auf den Geist Gottes, der immer wieder überraschend still und leise seinen Weg sucht im 1. Königbuch Kapitel 19,11 ff. wo der Prophet Elia seine Lektion lernen muss: Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor mich. Und siehe, der HERR ging vorüber. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss,…kam vor dem HERRN her, der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.“, das Elia nun als Geist Gottes identifizierte.

Und immer werden in der Bibel in der Gottesbegegnung auch die Kleinen und Unscheinbaren bevorzugt: Sei es Josef als jüngster Sohn, der zum Retter seiner Familie wird, sei es David als kleinster Hirtenbub einer großen Familie oder die fremde Frau aus einem ganz anderen Volk, Ruth, die seine Stammmutter wurde… Es gibt eine Reihe der ganz überraschenden Wendungen einer Geschichte eines Volkes, in die auch Jesus von Nazareth selbst hinein gehört! Maria, die junge, beinahe namenlose Frau und Jesus selbst, der Sohn eines Zimmermanns!

Also warum sollte nicht auch ich, berufen, erlöst, befreit sein?! Warum nicht hier, warum nicht heute! Die alte zerstörerische Frage der Theodizee sollten wir positiv um-wenden und vertrauensvoll auf uns beziehen! Auch ich ein Sohn, eine Tochter, ein Kind Gottes! Wir selbst können den Unterschied machen, indem wir uns Jesus Christus, dem Sohn anvertrauen. Wir können damit unser Schicksal wenden, vielleicht sogar das Schicksal der Welt, indem wir sie ein wenig besser machen, indem wir den Unterschied machen für andere Gekränkte, Unterdrückte oder Beladene! Dazu gibt es Wege. Wir brauchen nur einen Menschen, den aber braucht man sehr! Und auch ich kann dieser Mensch (für andere) sein!

Jesus jedenfalls will es für uns sein! In seinem Namen, im lauten Ruf des blinden Bartimäus steckt eigentlich alles, was ich wissen muss, um beten zu können: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Wiederholt und wiederholt erschließt er uns einen Weg zu Gott, dem Dreieinigen.

Jesus sagt: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Lernt von mir, mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. Das ist die Verheißung, die uns auch in schwierigster Zeit gilt, jetzt!

Und wir haben es doch auch schon erlebt in den vergangenen Wochen, wie wenig uns glücklich machen kann: ein Sonnenstrahl, der wärmt, ein paar Blümchen als Geschenk, eine gute Begegnung mit Gespräch und Lächeln, wenn auch auf Abstand…

Es sind die kleinen Gesten, die etwas bewirken, die uns aufrichten und uns helfen, schwere Zeiten besser zu ertragen. Das unverhoffte Klingeln des Telefons, die hilfreichen Handgriffe der Nachbarn, das Wissen, das auch die anderen, die jungen und starken für uns zu Hause bliebe! Dass in den Krankenhäusern und Pflegeheimen die Menschen ihr Äusserstes taten, um die Menschen nicht ihrer Würde zu berauben oder beraubt zu sehen. Es war schwer, und es ist es auch noch jetzt, aber was wir erlebt haben, haben wir erlebt und es hilft uns auch. Der Heilige Geist mit seinem sanften Sausen, er rät uns, wie wir leben, arbeiten, lieben und glauben sollen: Vertrauensvoll hingegeben. Sanft. Geh mit Gott  und geh unter der Gnade! Amen.

Stefanie Pensing

Sonntagsgedanken zum 14.06.2020, 1. Sonntag nach Trinitatis

 

Liebe Gemeinde !

Der heutige Sonntag, der erste in der langen Reihe der Trinitatissonntage, steht unter dem Thema der Apostel und Propheten. An einer Stelle im Lukasevangelium wird ihre Bedeutung angedeutet: “Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören.”

Beim Begriff Prophet besteht die Vorstellung, dass es jemand ist, der in die Zukunft sehen kann. Der voraussagt was geschieht, zB. wenn sich das Volk so oder so verhält.

“Wenn ihr den fremden Göttern dient, dann wird das Land verwüstet werden.”  “Wenn ihr euren Gott ehrt, dann werdet ihr Wohlstand erhalten.”

Ein Prophet ist in der hebräischen Bibel, der religiösen Geschichte Israels, ein Bote Gottes. Diese Geschichte gibt die Ereignisse unter einen religiösen Gesichtspunkt wieder. Sie legt den Schwerpunkt auf die Verbindung von politischen und religiösen Ereignissen. Das Land wurde von Nachbarvölkern erobert. Diese Eroberung wird im Zusammenhang gebracht mit der Verehrung fremder Götter, einem Verstoß gegen das Grundgebot des Volkes.( Der Segen Gottes lag nicht mehr auf dem Volk.)

Das wurde in einer Geschichte aufgeschrieben, um es für die nachfolgenden Generationen festzuhalten , als Warnung, als Richtlinie. Es geschieht aus einem Blick zurück, wird aber dargestellt als ein Blick in die Zukunft. Das soll den Propheten eine große Autorität als Boten Gottes verleihen.

Denn das ist ihre wirkliche Aufgabe in der Geschichte des Volkes Gottes: Sie weisen auf die Gebote hin, sie klagen falsches Verhalten an, sie sind die Wächter über dem Volk, sie sind Ratgeber oder heftige Kritiker der Könige. Mit anderen Worten: sie waren das Gewissen, das sich ununterbrochen meldete. Sie waren das Sprachrohr Gottes, der durch sie seinen Anspruch auf Gehorsam gegen die Gebote zu Gehör brachte. Keine leichte Aufgabe für die berufenen Menschen.

Aber schlechte Nachrichten, Aufrufe zum Umkehren wurden nicht so gerne gehört. Darum gab es andere Propheten, die ganz andere Dinge verkündeten. “Ihr seid auf dem richtigen Weg. Schließt Bündnisse mit euren Nachbarn. Gott heißt euer Verhalten gut. Macht weiter so !”

Das sind in den Berichten dann die falschen Propheten. Auch in den Erzählungen um den Propheten Jeremia geht es jetzt um die falschen Propheten. Die Rede des wahren Propheten wird mit der Botenformel, dem “Dienstausweis” des Propheten, eingeleitet: So spricht der HERR Zebaoth. Hören auf den Text aus dem 23. Kapitel.

23,16 So spricht der HERR Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen!

Sie betrügen euch; denn sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des HERRN.

17 Sie sagen denen, die des HERRN Wort verachten: Es wird euch wohlgehen -, und allen, die nach ihrem verstockten Herzen wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen.

18 Aber wer hat im Rat des HERRN gestanden, daß er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört?

19 Siehe, es wird ein Wetter des HERRN kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen.

20 Und des HERRN Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen.

21 Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie.

22 Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.

23 Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?

24 Meinst du, daß sich jemand so heimlich verbergen könne, daß ich ihn nicht sehe? Spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? spricht der HERR.

25 Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt.

26 Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen

27 und wollen, daß mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, wie auch ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal?

28 Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen? spricht der HERR.

29 Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?

Dies ist nur ein Ausschnitt aus den Worten gegen die falschen Propheten. Der Unterschied zwischen einem falschen und richtigen Prophet ist dieser: Der falsche Prophet verkündet seine eigenen Worte, der wahre Prophet verkündet die Worte des Herren.

Ist das wirklich so eindeutig, ist das so selbstverständlich ?

Der Prophet Jeremia sucht nach eindeutigen Kriterien, um wahr und falsch zu unterscheiden. Er schreit sich das Herz aus dem Leibe, um die Menschen doch noch zum Nachdenken zu bringen. Er selber ist völlig durchdrungen von dem Wort Gottes, das ihn getroffen hat – diesem übermächtigen, bedrängenden, lebendigen Wort, das wie ein Feuer ist, wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt (V. 29).

Jeremia sucht nach überzeugenden Argumenten. Er weist auf den Lebenswandel der anderen, der falschen Propheten, hin. Der ist verräterisch, denn was sie sagen und was sie tun passt nicht zusammen. Daran kann man sehen, wie wenig für sie der Wille Gottes wirklich zählt.

Jeremia wirft ihnen vor, dass sie keine unabhängigen Beobachter sind. Tatsächlich reden sie ihren Auftraggebern nach dem Mund; sie sagen, was man hören will, was gut ankommt. Sie sind Schönwetter–Propheten. Wer von drohendem Unheil spricht, macht sich nicht beliebt.

Jeremia wirft ihnen mangelnde Professionalität vor: Sie ringen nicht um die Wahrheit. Sie setzen sich nicht wirklich dem Worte Gottes aus, diesem Wort, das gefährlich ist wie eine lebendige Flamme. Lieber verkündigen sie ihre eigenen Wunschträume, das was sie sich zusammengereimt haben und was gut ankommt.

Mit allen diesen Argumenten hat Jeremia vermutlich völlig Recht. Aber wie will er das beweisen? Wie kann er diese schlechten, ja falschen Propheten tatsächlich bloßstellen als Speichellecker und Scharlatane?

Kein Prophet im Alten Testament hat unter diesen berufsbedingten Anfechtungen so gelitten wie Jeremia. Keiner hat die Frage nach der richtigen Verkündigung so klar gestellt, ob sie tatsächlich von Gott autorisiert oder eigenmächtig ist. Eine eindeutige, allgemeingültige Antwort hat er nicht gefunden.

Die Frage beschäftigt uns Christen bis zum heutigen Tage. Schon im Neuen Testament wird sie in aller Schärfe gestellt. Jesus warnt vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern kommen, aber inwendig reißende Wölfe sind (Mt 7,15). Er warnt vor falschen Aposteln, ja vor falschen Christussen, die sich mit großen Zeichen und Wundern hervortun (Mt 24,24ff). Satan selbst – schreibt Paulus – verstellt sich als Engel des Lichtes (2Kor 11,13ff).

In der Reformationszeit stellte sich die bedrängende Frage: Wer beruft sich zurecht auf die Heilige Schrift: Martin Luther oder seine Gegner zur Rechten und zur Linken. Sie alle haben für sich die Wahrheit beansprucht und dem Gegner falsches Spiel vorgeworfen. – Unausweichlich wurde diese Frage im Dritten Reich, als sich sog. Deutsche Christen und Bekennende Kirche gegenüberstehen. Viele sind unsicher oder feige, sie suchen Kompromisse oder folgen blind der Mehrheit. – Diese Frage verfolgt uns bis heute: gleichgültig, ob es um Auslegung der Bibel und Verkündigung im Namen Gottes geht oder um Krieg und Frieden, Ökologie und Ökonomie, um Rassismus, Gentechnologie oder Empfängnisverhütung. – Wer hat da Recht? Und woran kann man das erkennen?

Man hat gut reden, wenn man nachher großmäulig feststellt, wer recht und wer unrecht hatte, wer seriös war oder wer nicht. Dann ist das Kind meistens längst in den Brunnen gefallen. – Die Frage ist, wie kann man das vorher feststellen?

Es steht außer Frage, dass wir in der Kirche Fachleute brauchen, z.B. solche, die die Bibel sachgemäß auslegen und Fragen des Glaubens kundig beantworten können. Wir brauchen die christlichen Praktiker, die aus langer geistlicher Erfahrung eine Antenne dafür entwickelt haben, was anliegt und was Sache ist. Wir brauchen Autoritäten und gute Kirchenleitungen, die sagen, wo’s lang geht – aber bitte nicht eigenmächtig, sondern zusammen mit anderen berufenen Christen und Christinnen.

Das ist das eine. Das andere ist, dass wir diese Aufgaben nie einfach an andere delegieren können und dann blind folgen. So schnell kommen wir nicht aus der Verantwortung. Vor 14 Tagen haben wir es erneut gehört, wie der pfingstliche Geist damals in Jerusalem auf alle gegossen wurde – und nicht nur auf die wenigen erwählten Priester und Propheten, wie es das Alte Testament berichtet. Denn vor Gott sind alle gleich. Es gibt bei ihm keinen höheren oder niederen Rang, nur unterschiedliche Aufgaben. Deshalb sind auch alle von Gott in gleicher Weise gefordert. Nicht umsonst hat die Reformation das Priestertum aller Glaubenden und Getauften wieder in Erinnerung gebracht. Jeder hat Zugang zum Evangelium und jeder ist verantwortlich für den eigenen Glauben, aber auch für den der Brüder und Schwestern, ja der ganzen Gemeinde.

Niemand kann sich hinter irgend welchen Autoritäten verstecken, jeder steht für sich selbst gerade. Der kleine Mönch Luther hat es demonstriert, als er 1521 in Worms vor Kaiser, Fürsten und vor den Abgesandten des Papstes allein stand und sagte: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Ich bin an mein Gewissen vor Gott gebunden. Das kann mir niemand auf der Welt abnehmen.

Niemand kann uns – dem einzelnen Christen und der hörenden Gemeinde – die Verantwortung dafür abnehmen, dass wir uns ein eigenes Bild machen von dem, was wahr und dem was falsch ist; was wichtig und was nebensächlich; was Gott heute von uns will und was nicht. Das Neue Testament ermahnt uns eindringlich, kritisch die Geister zu unterscheiden: Ob sie von Gott sind oder nicht (1.Kor12,10; 1Joh 4,1).

Vielleicht ist es doch gar nicht so kompliziert. Die Botschaft von Propheten, von den wahren Propheten, hatte immer ein entscheidendes Element in sich. Sie riefen zur Buße auf, zur Umkehr, zur Überprüfung eines Weges, der bis jetzt verfolgt wurde. Tut Buße, kehrt um - das ist ein entscheidender Hinweis. Doch wird er immer aus dem Lärm herausgehört ?

Amen.

Sonntagsgedanken zum 31.05.2020, Pfingstsonntag   

 

Apostelgeschichte 2, 1-18

Liebe Gemeinde,

manchmal zieht die alte Dame ‚Kirche‘ „ihr Schwarzseidenes an und kramt gerührt über sich selber in alten Briefen, Papieren und Urkunden. Dabei stößt sie auf ihre Geburtsurkunde. An Pfingsten hat sie Geburtstag. Sie liest, wie sie angefangen hat und wie sie gedacht war. Es ist in jener Urkunde…von wilden Sachen die Rede: vom Sturm des Geistes, vom Feuer des Anfangs und vom Mut der ersten Zeugen. Und sie erschrickt, wenn sie noch des Erschreckens fähig ist. Denn in dieser Geburtsurkunde liest sie von einer alten und lange vergangenen Schönheit. Betulich und langsam, wie sie geworden ist, liest sie, dass sie einmal als junger, wilder Wein gedacht war. Sie liest, dass sie einmal so voll des Geistes war, dass man sie für betrunken gehalten hat – schon um neun Uhr morgens. Jetzt hält sie niemand mehr für betrunken…sie ist ehrbar geworden.“ (1) Fulbert Steffensky ist unnachahmlich darin, theologische Spannungen ins Bild zu fassen und damit auf den Punkt zu bringen. So wie die Apostelgeschichte unsere Geburtsgeschichte als Kirche erzählt, erkennen wir uns nicht wieder! Dass der heilige Geist einmal in so eine Gemeindeversammlung fährt und die Menschen von den (Kirchen-)Bänken holt in Feuer und Zunge und dann das ganze Haus erfüllt, das ist gerade jetzt in diesen  Infektionsschutz-Corona-Zeiten undenkbarer denn je. Ja, aber letztes Jahr auf dem Kirchentag in Dortmund, da lagen sich auf dem Hansaplatz die Menschen in den Armen, zum Beispiel beim Popkonzert der ‚Alten Bekannten‘. Aber sonst, sonntags daheim, immer schön lutherisch-uniert oder reformiert in unseren Bördekirchen oder auch drüben in Soest, da ist das eher weniger denkbar. Und wenn ein Pfarrer auch mal zur E-Gitarre greift, um dem Heiligen Geist aufzuhelfen, wird er zur Strafe dafür „gewippt“, d.h. in den Großen Teich gekippt, da es ja nun doch zu ungewohnt war für die Soester. Und hier, in der nachbarschaftlichen Provinz ist es noch ein wenig undenkbarer, dass die ehemals Lahmen und Stummen den Tanz beginnen.

            Und doch stammen wir auch von dort her genauso wie die alte Dame, damals, aus Jerusalem! Und wir waren sozusagen schon dabei, als zum Wochenfest, dem ersten Erntefest in Israel, Schawuot, die Gassen wieder voll waren von Menschen aus aller Herren Länder in der damaligen bekannten (römischen) Welt. Menschen, die schon aufgeschlossen waren für den Monotheismus des jüdischen Glaubens, aber noch ihren Platz suchten mit Gottesgläubigkeit, Philosophie, Römertum und eigener Nationalität. Wir dürfen es uns nicht weniger kompliziert vor- stellen als unsere eigene Welt mit ihren nationalen Eigenheiten und mannigfachen Welt-anschauungen und Religionen. Es wird ähnlich unüberschaubar und globalisiert wie heute zugegangen sein! Was diese Menschen auf dem Platz einte: Sie verstanden plötzlich, was diejenigen aus Galiläa da so unartikuliert redeten! Sie hörten aus dem unerhörten Gestammel der Jünger und Jüngerinnen Jesu die großen „Taten Gottes heraus“! Eine Geschichte, die in Ägypten begann, am Dornbusch und später mit den 10 Geboten besiegelt wurde und durch die Geschichte Israels und die Propheten weitergeschrieben wurde. Bis zum kleinen Propheten Joel, der den Tag des Gerichts kommen sieht zum Heil des ganzen Volkes und aller Menschen, die des HERRN Namen anrufen. „Und nach diesem will ich meinen Geist ausgießen über alles Fleisch, und eure Söhne und Töchter sollen weissagen, eure Alten sollen Träume haben, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen.“ (Joel 3, 1-5) Es ist schön, dass die Geschichte Israels hier beschworen, erinnert und aufgenommen wird in die Heilsgeschichte, die mit der Geburtsgeschichte der Kirche weiter geht, damals in Jerusalem.

            Aber natürlich könnte der Kontrast zu heute im weltweiten „Quasi-Lockdown“, zu Pfingsten in Jerusalem nicht größer sein: Menschen und Völker sind bedroht, durch Krankheit und Tod, durch Armut und Hunger, und wir Christinnen und Christen können genauso wenig wie andere Menschen über Ländergrenzen zueinander kommen. Der Geist muss sich nun neue Wege suchen: Durch elektronische Telekommunikation, durch Geldspenden und durch schnelle Briefe oder langsame Brief, die weite Wege gehn wie schon zur Urchristenheit. Aber eines darf man nicht unterschätzen, nämlich die Freiheit und Quicklebendigkeit des Heiligen Geistes, er ist mindestens so schnell wie eine Email über Satellit – und ins Gebet gewendet – erreicht er auch jeden Winkel dieser Erde und des Himmels. Dass manche Menschen das nicht glauben können und über uns spotten, wie leichtgläubig wir doch sind als Christenmenschen, das soll uns nicht anfechten! Denn wir sind ja nicht naiv, wir sind Teil der Welt, haben unsere Ausbildungen und können die „Welt“ und die „Schrift“ lesen. Und auch wir kennen die Aussagen der Virologie und Epidemiologie. Wir werden jetzt nicht ‚aus der Reihe tanzen‘ und Menschenleben gefährden, indem wir in dieser Kirche nun z.B. singen würden, um unsere Glaubensstärke zu beweisen. Denn dafür reichen 1,5 m Sicherheitsabstand beim besten Willen nicht! Nein, unsere Leichtgläubigkeit besteht in etwas anderem: Sie besteht aufgrund des Glaubens den wir haben, dass Gott uns nämlich aus dem Vertrauen zu Jesus Christus frei macht und leicht, ohne Schuld und ewige Bedrückung durchs Leben gehen zu müssen, sondern leicht und frei weiterschreiten zu dürfen. In des Petrus Predigt folgt nach unseren Zeilen ein ausführliches Bekenntnis zu Jesus Christus, „den hat Gott auferweckt und hat ihn befreit aus den Wehen des Todes, denn es war ihm unmöglich, dass er vom Tod festgehalten wurde…Diesen Jesus hat Gott auferweckt; des sind wir alle Zeugen.“

            Und dieses Zeugen-Sein soll uns nicht genommen werden! Das heißt doch, auch wir haben noch Träume und Wünsche, wie es mit der Zukunft unserer Kirche weitergehen könnte. Dass wir weiter auf dem Wege bleiben, miteinander, über die Konfessionsgrenzen hinweg. Über die Quarantäne-Sperren hinweg! Weil Gott das Leben will, das bunte, herrliche und fröhliche Leben, so wie es ausgelassene Kirchentage und Gemeindefeste es zeigen können. Gottes Kraft ist noch am Werke, Gottes lebensspendende Kraft hat sich in den Heiligen Geist hinein verwandelt und steht uns deshalb allen zur Verfügung.“ Seine heilige Geistkraft macht Mut, seinen Verheißungen zu trauen und in der Nachfolge Jesu getrost und trotzig dem Leben zu dienen,“ schriebt Sylvia Bukowski, eine reformierte Theologin aus dem Rheinland. Und wir werden all’ die Menschen und Themen nicht vergessen, die wir schon identifiziert haben als bedürftig im Sinne des Drum-kümmerns! Nicht die Alten, nicht die Jungen, nicht die Fremden und nicht die Schöpfung! Bitte helfen Sie uns dabei! „Und die alte Dame blättert weiter in ihrer Urkunde und stößt auf einen Bericht, den sie schon ganz verdrängt hatte: Die jungen Christen blieben beständig in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet. Und dann liest sie etwas geniert: ‚Alle aber, die gläubig geworden waren, blieben beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.’ War das wirklich so?, denkt die alte Dame. Was man doch vergisst!!“ (2)  Amen.  Stefanie Pensing

 

(1 und 2) Fulbert Steffensky: Die alte Dame und ihre Geburtsurkunde, in: Gewagter Glaube

 

 

 zurück        

Sonntagsgedanken zum 24.05.2020, Exaudi                  

Pfarrerin Brigitte Kölling

Text: Markus 14,1-9

Thema: Für Jesus. Unser Allerbestes!?

               Jesus -unser ein und alles?

An Jesus scheiden sich die Geister, über ihn erregen sich die Gemüter. Er lässt niemanden kalt.

Das beginnt schon mit der Ankündigung seiner Geburt. Seine Mutter muss schwer schlucken und sein Ziehvater Joseph will den Platz, den Gott für ihn bestimmt hat, erst gar nicht annehmen.

Alles andere aber nicht der Vater eines Kuckuckskindes werden.

Prompt geht es nach der Geburt weiter mit dem König Herodes. Er bangt um seine Macht und reißt unschuldige Kinder in seinem Machtwahn in den Tod. Doch Gott hält seine schützende Hand über seinen Sohn.

Und nun in unserem heutigen Predigttext sind es mal wieder die geistlichen Führer, die Hohenpriester und Schriftgelehrten, die so falsch sind und Jesus ermorden wollen.

Haben sie denn nicht ihre über 600 Gebote im Herzen und dabei besonders das 5.Gebot „Du sollst nicht töten.?“ 

Während Intrigen gegen Jesus gesponnen werden, tut ihm Simon der Aussätzige Gutes. Er lässt Jesus seine Gastfreundschaft spüren.

Wie wir Jesus kennen hat er ihn vermutlich von seinem Aussatz geheilt.

Wenn solche besonderen Dinge zwischen Jesus und einem Menschen geschehen, dann wird die Bindung an ihn noch intensiver und inniger.

Wer unter uns könnte das vergessen, wenn Jesus ihn aus großer persönlicher Not heraus gerettet hat.

In den Fällen, in denen in unserer heutigen Zeit der Pandemie unsere persönliche Not nicht möglichst schnell und gründlich durch Gott gewendet wird, ist Jesus doch an unserer Seite und hilft uns zu tragen und zu ertragen.

Diese mutige Frau, möglicherweise Maria Magdalena, platzt nun in das Abendessen hinein und drückt in einer Art Zeichenhandlung ihre Liebe zu Jesus aus.

300 Denare, ungefähr ein Jahreslohn, also eine recht hohe Summe ist ihr Jesus wert.

Gott nimmt eine Frau in seinen Dienst um über seinen Sohn das Folgende klarzustellen:

Ihr seht den König des Himmels und der Erde vor euch und deswegen wird er durch eine ganz gewöhnliche Frau zum König gesalbt. Der König wird aber auch gleichzeitig zum Tod gesalbt.

Ein Ritual, das den Verstorbenen als eine Art letzte Ehre erwiesen wird in Israel.

Hier also klar der Hinweis, der Tod des Königs steht unmittelbar bevor. Es lässt sich nicht umgehen, dass der Messias um unseretwillen in den Tod geht.

Rührt uns das an heute nachdem wir schon viele Wochen der Corona-Pandemie überstanden haben? Niemals darf uns das zur gleichgültigen Selbstverständlichkeit werden, dass er unsere Strafe trägt. Unsere katholischen Geschwister haben ein schönes Mittel sich das Leiden und Sterben vor Augen führen zu lassen. In manchen Kirchen ist der Kreuzweg vor Augen gemalt. Wie gut und wichtig.

Wir als Evangelische haben bei uns vor Ort  die gute Tradition der Passionsandachten. In Brot u. Wein kommt der Herr uns nahe u. wir ihm. Über die Passion Christi nachzudenken und darüber zu meditieren, macht übrigens nicht nur in der Karwoche Sinn.

Doch zurück nach Bethanien zu dem festlichen Essen bei Simon. Noch während Jesus mit dem kostbaren Öl gesalbt wird, schlägt die Entrüstung und Empörung anderer Gäste schon hohe Wellen. Wie kann man nur…..! Das ist nicht nur ein liebloser, zerstörerischer Satz gegenüber der mutigen Frau, die voller Liebe ist. Sie hat Jesus als den Messias erkannt. Die herben Kritiker der Frau und der Salbung von Jesus, die ja einen ganz tiefen geistlichen Sinn hat, stellen sich auch über den Herrn.

Sie spielen sozusagen die Armen und die nötige Fürsorge für diese gegen Jesus aus. Das hat schon etwas hinterhältiges.

 In ihrer persönlichen Rangfolge kommen schön fromm und wohltätig zuerst die Armen.

 Jesus dagegen spielt eine eher untergeordnete Rolle. Wie ist das mit uns? 

Natürlich ist es gerade heute wichtig den Armen großzügig von unserem persönlichen Überfluss zu geben. Durch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, in denen wir nun stecken, geht es gerade der ärmeren Bevölkerung weltweit noch schlechter.  

Gleichzeitig gebührt Jesus allein der Ehrenplatz in unserem Leben. Hat er den?

Bitte prüfen sie ihr Herz; besser noch lassen sie es von Gott prüfen. Was ist Jesus mir Wert?

 Bei der Streitfrage um das kostbare Öl war es umgerechnet etwa ein Jahresgehalt.

Bedeutet mir Jesus alles? Ist er mein Ein und Alles? Bin ich bereit alles in ihn zu investieren?

Nichts zurückzuhalten, was ihm gehört? Letztendlich ist doch alles geliehen und sei es diese Ölflasche oder der Sonnenschein, der Regen u. die Luft zum Atmen.

Jesus jedenfalls teilt immer großzügig aus. Er gibt sogar sein Leben auf eine äußerst schmerzhafte Art und Weise. Das eigene Leben für andere zu opfern ist gewiß das Kostbarste, was wir uns denken können.

Weil Jesus den Plan des Vaters kennt, springt er auch sofort der großzügigen Frau, die ihn salbt, zur Seite. Er stellt sich schützend vor sie damit die überheblichen, kritischen Sätze der anderen, sie nicht wie giftige Pfeile treffen können. Eure Fürsorge für die Armen ist ja nur vorgeschoben, wenn ihr gleichzeitig so garstig zu der armen Frau seid.

Manchmal brauchen wir solche Vorbilder im Glauben, wie es diese großzügige Frau ist.

Worin kann sie uns Vorbild sein? Da ist z.B. ihre Hingabe.

Wie Jesus sich zur Vergebung unserer Schuld hingegeben hat, so dürfen wir uns und unser ganzes Leben dem Herrn hingeben.

Ein kleiner, kümmerlicher Rest ist definitiv viel zu wenig für den Herrn. Was ist uns Jesus wert?

Bzw. worin sehen wir unseren Lebensmittelpunkt, in den wir dann auch bereit sind angemessen zu investieren? Wie opferbereit sind wir ihm gegenüber?

Ein weiterer Punkt, in dem uns die Frau ein Vorbild sein kann, ist ihre Furchtlosigkeit.

Die Furchtlosigkeit ist durch den Hl. Geist gewirkt. Frauen hatten in dieser Zeit an sich nicht viel zu melden. Um so erstaunlicher, dass sie mitten in das Abendessen hineinplatzt mit einer aus Sicht der  anderen Gäste vorsichtig formuliert außergewöhnlichen Idee, die zur Tat wird.

 Ach, möge doch auch in unserem Leben immer wieder unsere Menschenfurcht durch Gottesfurcht abgelöst werden. Gottesfurcht meine ich jetzt durch u. durch positiv als eine tiefe Gewißheit, dass Gott der Herr dieser Welt u. meines Lebens ist. Und diese enge Verbindung führt dazu, dass der Hl. Geist in meinem Leben wirken kann. Er wird mich leiten u. mir den Mut schenken auch mal außergewöhnliche Dinge für den Herrn zu tun. Aktionen von denen mein Umfeld vielleicht gar nicht so sehr überzeugt ist und die ich deswegen auch selbst in Frage stellen könnte. Aber Gott ist stärker und kann alle meine Zweifel überwinden.

Als Beispiel möchte ich hier die Mitglieder der Bekennenden Kirche nennen. Dadurch, dass sie sich im Gebet Gott immer wieder hingaben u. in der christlichen Gemeinschaft getröstet wurden, konnten sie letztendlich dem Bösen widerstehen.

Wenn sich Zivilcourage und Gottescourage miteinander verbinden, ist das hilfreich und fruchtbar für unsere Gesellschaft gerade jetzt in der Zeit, in der wir doch erkennen müssen, dass wir als Menschen eben nicht allmächtig sind. Lange genug, haben wir das aufgrund unserer wunderbaren Fortschritte in der Forschung ja angenommen. So äußerte z.B. ein 48 Jahre alter Fotograf aus New York, er habe sich immer für unverwundbar gehalten.  Mal ganz abgesehen von diesem Kranken gilt doch:

Wenn der Mensch durch den Mammon diese Welt regiert, dann kommt in keinem Fall etwas Kluges dabei heraus.

Klug hat allerdings die Frau aus Bethanien gehandelt. Sie hat schon im Vorfeld der Kreuzigung in ihrer Zeichenhandlung darauf hingewiesen, dass Jesus als der Gekreuzigte und Auferstandene der Dreh- und Angelpunkt dieses ganzen Universums ist.

Es genügt nicht, ihre Klugheit alleine zu bewundern. Nein, lasst uns uns durch den Hl. Geist dieser Klugheit im Glauben anschließen

 Für Jesus, den wahren Herrscher dieses ganzen Universums, nur unser Allerbestes: unser Herz, unsere gesamte Existenz und alles, worum er uns bittet.

 Diese geschundene Welt braucht jeden einzelnen Christen, der bereitet ist sich von Jesus in Dienst nehmen zu lassen.

Viel Segen und Bewahrung wünscht herzlich

Brigitte Kölling

 zurück        

Gedanken zu Himmelfahrt am 21.05.2020

Pfarrerin Jutta Kröger

 

 

Liebe Gemeinde,

heute ist der Gottesdienst an Christi Himmelfahrt ganz anders als sonst. Wir sitzen nicht draußen in Gottes Natur, der Posaunenchor ist nicht da, wir müssen einen Mundschutz tragen, wir dürfen nicht singen. Aber unser Organist darf wenigstens Orgel spielen und uns Musik zu Gehör bringen.

Wir sitzen in abgemessenen Abständen voneinander entfernt. Ein Sicherheitskonzept musste vom Presbyterium für diese Kirche erstellt und umgesetzt werden. Ehrenamtliche Küsterinnen und Küster haben dabei geholfen. Herzlichen Dank an Sie alle. Für einen Gottesdienst im Freien hätte noch ein 2. Sicherheitskonzept erstellt werden müssen. Deshalb sind wir heute in unserer schönen Kirche.  Alles anders, wegen Corona.

Ich sehe in der aktuellen Krise mit der Corona-Pandemie eine Gefahr: das wir alle wie ein Kaninchen auf die Schlage starren und den Tunnelblick darauf nicht abwenden können. Denn diese Krise betrifft uns schließlich alle existentiell. Aber es geht uns sehr unterschiedlich damit. Es hängt davon ab, ob wir Kinder haben oder alt sind und gerade in diesen Zeiten sehr allein, ob wir zur Risikogruppe gehören, ob wir für andere sorgen müssen, ob wir bedroht sind, unsere Arbeit zu verlieren und die berufliche Existenz und vieles mehr. Doch wir sind hier und feiern Gottesdienst zusammen. Das ist nach langen Wochen des Wartens wieder möglich.

Am Ende der Geschichte von Christi Himmelfahrt aus der Apostel-geschichte, die wir gerade gehört haben, werden die Jünger gefragt: „Was steht ihr da und seht gen Himmel?“ Ergänzen könnte ich: Anstatt in den Himmel zu starren, schaut auf all das Schöne um euch herum, schaut auf das Schöne in Gottes Schöpfung. Seid Zeugen und Zeuginnen Jesu. Damit ihr das könnt, hat Jesus Christus euch die Kraft des Heiligen Geistes versprochen!

Liebe Gemeinde!

Aufgrund dieser Aussage und gerade weil wir zur Zeit wegen Corona nicht singen dürfen, haben wir/ich beschlossen wenigstens über ein Lied zu predigen. „Geh aus mein Herz und suche Freud“ von Paus Gehrhardt.

Eins meiner Lieblingslieder. Ein Lied von der Schönheit des Frühlings und des Sommers, und wie sich alles zu einem großen Ganzen zusammen fügt.

EG 503

 

1. Geh aus, mein Herz, und suche Freud

in dieser lieben Sommerzeit

an deines Gottes Gaben;

schau an der schönen Gärten Zier

und siehe, wie sie mir und dir

sich ausgeschmücket haben,

sich ausgeschmücket haben.

 

2. Die Bäume stehen voller Laub,

das Erdreich decket seinen Staub

mit einem grünen Kleide;

Narzissus und die Tulipan,

die ziehen sich viel schöner an

als Salomonis Seide,

als Salomonis Seide.

 

 

Das Lied beginnt mit der Ermunterung, dass unser Herz sich doch der Freude öffnen soll in dieser „lieben Sommerzeit“ (Frühlingszeit). Paul Gerhardt weiß, wie die Umstände einem manchmal alle Leichtigkeit nehmen können. Umso wichtiger ist, dass wir dann erst recht „die Freude suchen“, dass wir hinausgehen und die Schönheit des Frühlingstages anschauen. „Schau, wie die Gärten sich ausgeschmücket haben“, sagt er, „für mich und für dich“. Es ist die immer wieder faszinierende Schönheit der blühenden Blumen, der verschiedenblättrigen Sträucher, der Bäume in verschiedenen Formen und Grüntönen. „Für mich und für Dich“, sagt er. Jeder Garten ist wie ein Geschenk. Ein Geschenk, das wir zu jeder Jahreszeit neu bestaunen können, aber im Frühling und Sommer ganz besonders. Ein Geschenk, das uns immer wieder neu erfreut und überrascht. Es ist die Lebendigkeit und Schönheit aller Pflanzen, die uns immer wieder so anspricht.

3. Die Lerche schwingt sich in die Luft,

das Täublein fliegt aus seiner Kluft

und macht sich in die Wälder;

die hoch begabte Nachtigall

ergötzt und füllt mit ihrem Schall

Berg, Hügel, Tal und Felder,

Berg, Hügel, Tal und Felder.

 

4. Die Glucke führt ihr Völklein aus,

der Storch baut und bewohnt sein Haus,

das Schwälblein speist die Jungen,

der schnelle Hirsch, das leichte Reh

ist froh und kommt aus seiner Höh

ins tiefe Gras gesprungen,

ins tiefe Gras gesprungen.

 

7. Der Weizen wächset mit Gewalt;

darüber jauchzet Jung und Alt

und rühmt die große Güte

des, der so überfließend labt

und mit so manchem Gut begabt

das menschliche Gemüte,

das menschliche Gemüte.

Die Freude an den Tieren ist es, die Paul Gerhard jetzt beschreibt.

Nicht nur der Garten, sondern auch „Berg, Hügel, Tal und Felder“ sind erfüllt von der Lebendigkeit der Pflanzen und der Tiere. Wir spüren die Großartigkeit von Gottes Schöpfung, in die wir einbezogen sind. Der Mensch als ein Geschöpf unter so vielen. Und Gott rüstet den Menschen mit manchen guten Gaben aus. Er gibt den Menschen Fähigkeiten und Möglichkeiten, die sie nutzen können.

8. Ich selber kann und mag nicht ruhn,

des großen Gottes großes Tun

erweckt mir alle Sinnen;

ich singe mit, wenn alles singt,

und lasse, was dem Höchsten klingt,

aus meinem Herzen rinnen,

aus meinem Herzen rinnen.

Paul Gerhardt wendet nun den Blick auf den Menschen und darauf, was alle schönen Beobachtungen des Sommers/Frühlings nun mit mir zu tun haben. Alles was ich da sehe und höre und rieche und schmecke – all das weckt meine Sinne auf. Meine Sinne werden durch die Eindrücke munter und froh. Und was tun wir, wenn wir von Lebensfreude ergriffen werden? Wir lächeln nicht nur eher, sondern wenn wir irgend können, möchten wir auch tanzen und singen und Purzelbäume schlagen.

9. Ach, denk ich, bist du hier so schön

und lässt du’s uns so lieblich gehn

auf dieser armen Erden:

Was will doch wohl nach dieser Welt

dort in dem reichen Himmelszelt

und güldnen Schlosse werden,

und güldnen Schlosse werden!

 

10. Welch hohe Lust, welch heller Schein

wird wohl in Christi Garten sein!

Wie muss es da wohl klingen,

da so viel tausend Seraphim

mit unverdrossnem Mund und Stimm

ihr Halleluja singen,

ihr Halleluja singen.

 

11. O wär ich da! O stünd ich schon,

ach süßer Gott, vor deinem Thron

und trüge meine Palmen:

So wollt ich nach der Engel Weis

erhöhen deines Namens Preis

mit tausend schönen Psalmen,

mit tausend schönen Psalmen.

Nach der Beschreibung der Freunde, überlegt Paul Gerhardt weiter, was denn das Erleben dieser herrlichen Natur für ihn bedeutet.  Sie ist für ihn sowohl ein Sinnbild für die Größe Gottes als auch Grund für eine unverbrüchliche Hoffnung. Alles in seiner umfassenden Ordnung und Schönheit ist für uns ein Hinweis darauf, dass es mehr gibt als das, was wir in dieser Welt kennen und erleben. Unser Erleben ist zugleich Hinweis auf das Größere. Es gibt auf dieser „armen Erde“, wo auch so viel Negatives geschieht, wo Menschen es sich gegenseitig schwer machen, wo Krankheit und Verlust Erwartungen enttäuschen; da gibt es immer wieder so viel Schönheit und glückliche Augenblicke. Es gibt immer wieder diese wunderbaren Momente, wo wir etwas ahnen von der Großartigkeit des Ganzen; wo uns kleine Erfahrungen aufleuchten wie ein hoffnungvolles Licht, wo Traurigkeit überwunden wird.

 

Unser ganzes Leben ist nur ein Hinweis darauf, was Gottes Herrlichkeit eigentlich ist. Leider wird uns dieser Hinweis oftmals vernebelt und getrübt.

 

Nach dieser Welt kommt der Himmel, davon ist Paul Gerhardt überzeugt. Und er redet vom Himmel in Bildern, die Menschen immer wieder für den Inbegriff der Schönheit und des glücklichen Lebens verwenden: von einem goldenen Schloss mit einem königlichen Thron und einem herrlichen Garten. Und er malt uns allen das immer noch vertraute Bild der singenden Engelschöre. Der Himmel, den Paul Gerhardt erwartet, ist offen für alle. Er ist Inbegriff von Freude, von umfassendem Erkennen, von Loben und Danken. Niemand kann sich den Himmel selber schaffen. Er ist Ausdruck der Herrlichkeit Gottes. In diesem Himmel ist die Hoffnung begründet, die mich meinen Weg tapfer gehen kann (auch in Corona Zeiten). Aus diesem Himmel wächst mir die Kraft, die mich Schweres ertragen lässt; von diesem Himmel strahlt die Freude herüber, die mein Leben hier auf Erden hell macht, auch wenn nicht immer alles leicht ist.

12. Doch gleichwohl will ich, weil ich noch

hier trage dieses Leibes Joch,

auch nicht gar stille schweigen;

mein Herze soll sich fort und fort

an diesem und an allem Ort

zu deinem Lobe neigen,

zu deinem Lobe neigen.

 

13. Hilf mir und segne meinen Geist

mit Segen, der vom Himmel fleußt,

dass ich dir stetig blühe;

gib, dass der Sommer deiner Gnad

in meiner Seele früh und spat

viel Glaubensfrüchte ziehe,

viel Glaubensfrüchte ziehe.

Weil Paul Gerhardt diese große Hoffnung hat, die ihn trägt, kann er sich nun mit neuer Freude dem Leben zuwenden. Er leugnet dabei nicht des „Leibes Joch“, was man zuweilen zu tragen hat. Aber die Schönheit der Natur und die Hoffnung auf das Himmelreich ist für ihn der Grund, schon hier auf Erden die Freude zu behalten und Gott zu loben, so oft es möglich ist. Das wir das tun, ist nicht selbstverständlich. Oft genug verstummen wir wieder im Gefühl der Schwere und Hoffnungslosigkeit. Darum bittet Paul Gerhardt um Gottes Segen. So wie Gottes Segen auf der Natur liegen muss, damit das Getreide gedeiht und die Früchte reifen; so braucht auch unsere Wahrnehmung Gottes Segen, damit wir im Alltag die Freude nicht verlieren. Damit wir, auch wenn wir eher eine Topfpflanze sind als eine Gartenblume, das Blühen nicht vergessen. So wie es draußen Sommer geworden ist und die Früchte reifen, so soll Gott es auch Sommer in uns werden lassen, damit unsere Früchte reifen, die Früchte unseres Lebens und die „Glaubensfrüchte“. Aber was sind „Glaubensfrüchte“, liebe Gemeinde! Ich denke, das ist so etwas wie Gelassenheit in aller Unruhe; das ist Hoffnung, gerade jetzt in dieser ungewissen Situation, das ist Freude, die sich auch an kleinen Dingen entzünden kann. Und das ist v.a. das Vertrauen auf Gott, das er uns hilft und begleitet.

14. Mach in mir deinem Geiste Raum,

dass ich dir werd ein guter Baum,

und lass mich Wurzel treiben.

Verleihe, dass zu deinem Ruhm

ich deines Gartens schöne Blum

und Pflanze möge bleiben,

und Pflanze möge bleiben.

 

15. Erwähle mich zum Paradeis

und lass mich bis zur letzten Reis

an Leib und Seele grünen,

so will ich dir und deiner Ehr

allein und sonsten keinem mehr

hier und dort ewig dienen,

hier und dort ewig dienen.

Gottes Segen ist es, wenn wir die Freude spüren, und auch in nicht einfachen Zeiten unseres Lebens Glaube und Hoffnung entwickeln. Dann werden wir wie ein Baum, der auch in dürren Zeiten mit seinen tiefen Wurzeln Wasser aufspürt. Dann werden wir wie eine Blume, die für andere ein wohltuendes Geschenk ist.

Und dann wird unser Aufbruch zu unserer letzten Reise nicht das Ende sein, sondern unsere Freude wird vollkommen sein, wenn wir im Paradies, in Gottes Reich angekommen sind.

 

Amen

Sonntagsgedanken zum 17.05.2020, Rogate

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern…(Mt, 6,9 -15)

 

Liebe Gemeinde,

Mitte März mussten plötzlich unsere Schulen schließen, eine Woche später alle Geschäfte und uns allen wurde klar, „es ist ernst“, unsere Wirklichkeit hatte sich verändert. Leben mit einem lebensgefährlichen Virus, Vermeiden weiterer Infektionen, um die Krankenhäuser vor Überlastung zu schützen, das wurde plötzlich überlebenswichtig. In diesem Zuge wurden auch unsere Gottesdienstfeiern ausgesetzt. Aber wir, Christengemeinden, waren ja noch da, und so läuten seitdem unsere Glocken um 19.30 Uhr, damit alle, die es hören und wissen, sich zum Fürbitt- und Vaterunsergebet eingeladen fühlen. Fürbitten, das heißt beten für Menschen, denen es nicht gut geht,. Klassische Fürbitten stehen ein für arme oder kranke Menschen, besonders belastete Menschen oder einfach für unsere Lieben. Eingeladen sind wir seitdem aber auch zum Ökumenischen Vaterunsergebet. Denn das Vaterunser ist unser Grundgebet im Christentum, es stammt von Jesus selbst her, das ist ziemlich sicher. Und es war auch Jesus, der es uns beigebracht hat, wie man betet. Denn das ehemals jüdische Achtbittengebet leitet er ein mit dem Wort: Unser Vater. Wir sollen uns an Gott richten wie an einen liebevollen Vater. Sicherlich ist nicht in jeder Biografie ein treu sorgender und liebevoller Vater präsent gewesen, das muss man zwar bedenken, aber gerade dann ist ein Gedanke hilfreich: Gott ist hier gedacht als Abba, Papa, jemandem, zu dem man gerne Papa sagen würde!

            Ich finde es gut, dass das Vaterunser auch heute in unserer säkularen Umwelt noch fast alle mitsprechen, die sich christlich nennen, von klein bis groß. Und so eignet es sich auch, es stellvertretend zu beten für andere Bitten und Fürbitten, gerade wenn keine Zeit bleibt zum tiefen Gebet.

            Tiefes Gebet…? Was soll das sein? Meditation, stille Einkehr oder lautes, inbrünstiges Sprechen mit Gott? Liebe Leserinnen und Leser, was verstehen Sie unter einem Gebet? Wo ist es Ihnen zuerst begegnet? Im Gottesdienst, im Konfirmandenunterricht, im Kindergottesdienst, am Abend im Bett oder am Morgen am Frühstückstisch? Die evangelische Kirche hat kürzlich erhoben, wo das Gebet besonders häufig in den Familien gepflegt wird, und wahrscheinlich deckt sich Ihre Erfahrung mit der Statistik: Am Kinderbett, mit vertrauten Worten durch Mutter, Vater oder Großeltern, auch diese Generation ist für die Glaubensweitergabe nicht zu unterschätzen!

            Diese Ursprungssituation des Gebets im Leben des Einzelnen deckt sich in gewisser Weise mit der Empfehlung, die Jesus für das christliche Beten gibt: „Wenn aber Du betest, gehe in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; Und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.“ (Mt. 6, 6) So hat das christliche Gebet von Anfang an etwas Intimes und Stilles, den Blicken s entzogenes, aber darum geht es wohl nicht so sehr als um das persönliche Sprechen mit Gott. So wie wir mit all’ unseren persönlichen Erfahrungen  – sei es mit guten oder schlechten Vätern und Müttern im Hintergrund – zu Gott kommen dürfen, so dürfen wir unsere ganz persönlichen Gedanken und Besorgnisse, persönliche Fragen an Gott in das Gebet einfließen lassen.

            Nun darf man von Pfarrerinnen erwarten, dass sie beten gelernt haben, und das gilt sicherlich vor allem für das öffentliche Gebet. Aber wie beten Menschen, die viel in der Öffentlichkeit stehen, privat? Nun, ich gestehe, feste Gebetszeiten habe ich nicht, aber eine Grundeinstellung, dass das Gebet zu Gott immerwährend ist, mich trägt, sozusagen sekündlich. Nicht alle Sekunden und Stunden eines Tages kann und will ich beten, aber ich bin quasi immer in Gebetsbereitschaft, manchmal nur mit einem „unaussprechlichem Seufzen“. Schon der Apostel Paulus wusste, dass grundsätzlich alles Gebet sein kann. (Römer 8,26) Denn es gibt ja auch das Gebet der Tat, die zupackende Hilfe oder mitfühlende Anteilnahme, die vor Gott gebracht, Gebet ist. Und um im Strom der Ereignisse um mich herum die rechte Aufmerksamkeit dafür zu finden, was nun wann und wo am meisten gebraucht wird, muss man Mittel und Wege finden, um in sich zu gehen einerseits, andererseits aber auch, aus sich heraus zu gehen! Für diese Unterscheidung brauche ich Gebete, Gebete des Geistes, des Mundes, des Herzens und der Hände, und dafür habe  ich für mich neben dem Vaterunser das sogenannte Gelassenheitsgebet passend gefunden. Besser gesagt, es hat mich gefunden, denn es wurde mir einmal als junger Pastorin – schön gestaltet – überreicht und das Vaterunser gleich dazu. Eine Weile waren mir diese Wort-Bilder Lesezeichen, aber dann habe ich sie gerahmt und in die Nähe meines Arbeitsplatzes in die Fensterbank gestellt, so dass ich sie immer vor Augen habe: „HERR, schenke mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine von dem anderen zu unterscheiden“.

            Das Gelassenheitsgebebet drückt für viele moderne Menschen aus, was auch ich empfinde: Die Hoffnung, immer von Gottes gutem Geist geleitet zu werden, auf einer Woge von Güte und Gnade. Wie Bonhoeffer sinngemäß sagte: Gott ist sich nicht zu schade, um auch mit unseren Fehlern fertig zu werden und unsere vermeintlichen Guttaten anzunehmen und sie zu etwas wirklich Gutem zu verwandeln! Aber vielleicht ist  das Gelassenheitsgebet doch nur ein Anfang und es täte not, tiefer zu gehen, bei den Problemen, die ich identifiziere, nicht schon heimlich auf die Tat zu schielen („Dein Reich komme“ und ich muss ihm Raum machen…)  sondern leise und still die Bitten für den Wandel der Welt (des Mangels, des Unheils, der Ungerechtigkeit) ins Wort zu fassen. Genau deshalb ist mir das Vaterunser als Gegenpart so wichtig. In der Kreuzesform aufgeschrieben, gibt es Halt in alle vier Himmelsrichtungen. Gott, so sehe ich, liegt jedem unserer Gedanken zu Grunde, jeglicher Sehnsucht nach Heilsein für alle Welt. Und ich bin überzeugt: Wie auch immer wir beten, wir schaffen Raum für Hoffnung auf eine gute Zukunft für Mensch und Welt im Angesicht Gottes! Amen.

 

Ihre Pfarrerin Stefanie Pensing

 

„Erleuchte und bewege uns, leite und begleite uns, erleuchte und bewege uns, leit’ und begleite uns, erleuchte und bewege uns, leit’ und begleite uns.“ (Zusatzgesangbuch 070)

 zurück        

„Den Gesang der Engel hört man auch im Lager“

Predigt zum Sonntag Kantate

von Pfarrerin Leona Holler

Olivier Messiaen, Organist an der Kirche La Trinite, ist 31 Jahre alt, als er 1939 zum Kriegsdienst bei der französischen Armee einberufen wird. 1940 gerät er in deutsche Kriegsgefangenschaft auf einem Feld bei Toul, westlich von Nancy. Von dort wird er in ein Lager bei Görlitz interniert, wo „achttausend Belgier und vierzigtausend Franzosen in ein Lager mit dreißig Barracken“ untergebracht waren. Messiaen hat Glück. Einer der deutschen Hauptmänner hatte ein Herz für den jungen Mann und ein Herz für die Musik. Man baut eine Baracke zum Lagertheater um, eine andere zur Kirche. In Letzterer räumt man Messiaen eine Ecke zum Komponieren ein, die er nutzt, um ein Werk zu komponieren, das bis heute viel Beachtung findet: Das „Quatuor pour la fin du Temps“ – das Quartett für das Ende der Zeit, zusammen gestellt für Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier.

Die Uraufführung dieses Musikstückes findet am 15. Januar 1941 in bewegender Weise statt: In der Theaterbaracke versammelt sich neben der deutschen Lagerleitung gut 400 Franzosen, die wegen der Januarkälte in geflickte tschechische Uniformen und Holzpantoffeln gestopft worden waren, um der Musik zu lauschen.

„Niemals wieder wurde mit solcher Aufmerksamkeit und solchem Verständnis zugehört“, erzählte Olivier Messiaen noch Jahrzehnte später. In seinen eigenen Erinnerungen hat Messiaen die Zahl der Zuhörer auf 5000 erhöht. Denn mit dem inneren Ohr hörte damals tatsächlich das halbe Lager zu: „Das Publikum war eine äußerst vielfältige Mischung aus allen Gesellschaftsschichten – Landarbeiter, Hilfsarbeiter, Intellektuelle, Berufssoldaten, Ärzte und Geistliche.“ Unterschiede zwischen ihnen gibt es nicht mehr, ja selbst der Unterschied zwischen Freund und Feind ist in jenem Moment aufgehoben, als die Zuhörenden sich aus ihren Lebensumständen lösen und ihnen für eine Stunde durch die Musik entfliehen können.

Olivier Messiaens Kompositionen sind Zeugnis eines tiefen Glaubens: „ein Versuch und Stammeln, wenn man die erdrückende Größe des Themas bedenkt!“. Und so liegt seinem Quartett ein Bild aus der Offenbarung des Johannes zugrunde, aufgeschrieben im 10. Kapitel:

„Und ich sah einen starken Engel vom Himmel herabkommen, der war mit einer Wolke bekleidet und hatte den Regenbogen auf seinem Haupt und ein Antlitz wie die Sonne und Füße wie Feuersäulen. Und er hatte in seiner Hand ein Büchlein, das war aufgetan. Und er setzte seinen rechten Fuß auf das Meer und den linken auf die Erde… Und der Engel, den ich stehen sah auf dem Meer und auf der Erde, hob seine rechte Hand gen Himmel und er schwur bei dem, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, dass hinfort keine Zeit mehr sein soll, sondern in den Tagen des siebenten Engels, wenn er posaunen wird, dann ist vollendet das Geheimnis Gottes.“ (Offenbarung 10, 1-2 und 5-7).

„Und der Engel schwur bei dem, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, dass hinfort keine Zeit mehr sein soll…“

Hinfort soll keine Zeit mehr sein: Das Aussetzen der menschlichen Zeit – der Anbruch einer neuen, einer Gotteszeit – für den jungen Katholiken Olivier Messiaen war dies unter den erbarmungswürdigen Zuständen im Lager eine große Hoffnung. Nicht nur eine große, sondern geradezu eine lebensnotwendige Hoffnung. Eine Hoffnung, die über das Schicksal, das er ertragen muss, hinausgeht. Eine Hoffnung, die ihm ein Bild schenkt von dem, wie Leben sein kann. Vor allem aber eine Hoffnung, auf die hinzuleben sich lohnt.

Messiaen hat dieser Hoffnung Klänge und Töne gegeben und jenen, die mit ihm in diesen Baracken waren, einen Moment dieser anderen hoffnungsvollen Welt geschenkt. Für manch einen war dies der Moment, in dem er auf das Leben weiter zu hoffen wagte.

„Nie wieder hat man mir mit solcher Aufmerksamkeit und solchem Verständnis zugehört wie damals.“

Nie wieder – Olivier Messiaen starb 1992.

Aber seine Kompositionen leben weiter.

Eines der Klarinettensoli aus dem Quartett für das Ende der Zeiten wurde am letzten Freitag, am 8. Mai 2020, in Gedenken an das Kriegsende vor 75 Jahren zur Aufführung gebracht.

Der Ort? Ein deutsch-russisches Videokonzert, übertragen durch die Deutsche Welle und dargeboten von einem deutsch-russischen Jugendorchester. Eigentlich gebucht für diesen Gedenktag, traf es sich, bedingt durch die Coronakrise, in kleinen Ensembles im seit Wochen leer stehenden Berliner Konzerthaus, in der Moskauer Philharmonie und im Petersburger Mariinsky-Theater, um mit dem vom Infektionsschutz geforderten Mindestabstand voneinander zu musizieren. Das Ergebnis ist ein inniges und ergreifendes musikalisches Gesamtkunstwerk, eine – wie die Außenminister von Russland und Deutschland betonten – Konzertbrücke namens: „Gemeinsam in schweren Zeiten“.

Gemeinsam in schweren Zeiten! Es sind zweifelsohne, liebe Schwestern und Brüder, schwere Zeiten. Ungewohnt schwere Zeiten, wobei, und das ist wichtig festzuhalten, die derzeit schweren Zeiten hier bei uns in Deutschland, allzumal in Soest, in nichts zu vergleichen sind mit den schweren Zeiten zwischen 1939 und 1945.

Wir müssen nicht in Kellern Zuflucht suchen, müssen nicht um das Leben unserer Lieben an der Front oder in der Gefangenschaft bangen. Wir leben nicht unter der vernichtenden Herrschaft einer grausamen Diktatur. Wir können die, die wir lieben und mögen oder die unsere Hilfe brauchen, anrufen, wir können sogar Kontakt aufnehmen per Video.

Manch einer hat von Krieg gesprochen vor gut acht Wochen, als das Coronavirus in unser Leben trat. Ich finde diesen Ausdruck falsch und unverantwortlich denjenigen gegenüber, die einen Krieg derzeit miterleben  müssen oder denjenigen, die jenen Krieg miterlebt haben, dessen Ende vor 75 Jahren wir am Freitag erinnern konnten.

Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung. Jede und jeder, der etwas anderes sagt oder in diesen Tagen von einem Tag der Niederlage für Deutschland spricht, offenbart einmal mehr das gefährliche und menschenverachtende Gedankengut, das in unserem Land sich umtreibt.

„Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung,“ hatte Richard von Weizäcker in einer viel beachteten Rede 1985 gesagt: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“

Der 8. Mai war das Ende einer Schreckensherrschaft, die mit dem 30. Januar 1933 begann. Für unzählige Menschen nahm am 8. Mai eine neue Zeit ihren Anfang, auf der sie seit 8 Jahren hin gehofft hatten. Eine neue Zeit, die nicht schreckensfrei war, sondern einen anderen Schrecken in sich trug angesichts der zerbombten Heimat oder der verstorbenen Familienangehörigen und Freunde. Eine Zeit aber auch, in der durch viel Bemühen und viel gegenseitiger Achtung Gutes und ein Neuanfang gelingen konnte.

Gutes, das allerdings – und davor warnte der aktuelle Bundespräsident am Freitag, Gutes, das nicht einfach auf ewig gesichert ist: „Der 8. Mai war nicht das Ende der Befreiung – Freiheit und Demokratie sind ein bleibender Auftrag, unser Auftrag“.

Der Bewahrung der Schöpfung und der Bewahrung des Lebens gilt an jedem Tag unser Bemühen, liebe Gemeinde. Nichts, auf dem wir uns bewegen, ist sicher. Weder unser Frieden, noch unsere Demokratie, noch unsere Gesundheit, geschweige denn unser Leben. Gerade in diesen Coronatagen wird uns dies einmal mehr bewusst: Demütig stehen wir vor der Erkenntnis, dass unser Leben zerbrechlich und gefährdet ist. Und dass wir uns beschränken und achtsam sein müssen, um andere und uns zu schützen.

In manchen Familien, liebe Gemeinde, genügt die Erkenntnis, dass wir uns beschränken müssen, schon, damit Krieg ausbricht. Unsere überfüllten Frauenhäuser sind ein Zeugnis davon ebenso wie die unverantwortlichen und gewaltsamen Demonstrationen von linken und rechten Verschwörungstheoretikern.

Es mag sich, liebe Schwestern und Brüder, so anfühlen, als hätten wir keine Freiheiten mehr. Doch das ist falsch. Freiheit ist so viel mehr als sich in Gruppen am Flussufer zusammen setzen oder maskenfrei einkaufen zu können. Wir Menschen sind die einzigen Geschöpfe, die eine Freiheit besitzen, die weit über all das hinausgeht:

Wir sind frei durch die Kraft unseres Geistes. Wir sind frei dadurch, dass wir uns einstellen können zu dem, was uns derzeit widerfährt. Wir haben die Wahl, uns zu den Gegebenheiten unseres Lebens so oder so zu entscheiden. Wir haben die Wahl, uns in unserem Gram zu verkriechen oder unseren Geist in die Welt hinaus zu schicken und für uns alles Schönes und Wertvolle einzufangen, was es gibt: Viktor Emil Frankl, Psychologe und Überlebender von Ausschwitz, hat die Kraft der Einstellungswerte immer wieder betont: „Die letzte menschliche Freiheit besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen.“

Diese menschliche Freiheit kann uns niemand nehmen. Die Freiheit, dass der Geist sich über die Dinge erheben kann. Und der Musik, die wir an diesem Sonntag zu bedenken haben, kommt darin eine unendlich große Bedeutung zu. Sie vereint immer schon Menschen zu allen Zeiten und in allen Zeiten ihres Lebens. Sie schenkt eine Freiheit, die alle Grenzen sprengt und in den Himmel reicht. Sie öffnet den Geist und lässt unser Herz gleichsam alles fühlen – von tiefer Trauer bis rechter Freude. In der Musik kommt das ganze Menschsein vor. Wo Menschen und Musik zusammenkommen, wird der menschliche Geist über Grenzen getragen von einer Kraft, die überirdisch im wahrsten Sinne des Wortes ist.

Ein Sonntag, liebe Schwestern und Brüder, ein Sonntag ist der Musik gewidmet im Kirchenjahr. Dieser Sonntag ist heute. Just jener Sonntag, an dem uns das Singen verboten ist. Aber nicht das Hören. Nicht das Fühlen. Nicht das Abtauchen in die Weite des Lebens. Nicht das Gewiss sein, dass auch die Musik von Gott ist. Denn da, wo Musik ist, ist Gott. Da, wo Musik ist, erfüllt die Herrlichkeit des Herrn dein Haus. Da, wo Musik ist, bricht eine neue Zeit an. Amen.

Das beschriebene Konzert können Sie ansehen unter folgendem Link:

https://www.youtube.com/watch?v=iJmO_8R__L0

Der letzte Vers spielt an auf die alttestamentliche Lesung aus dem Buch der Chronik: 2. Chr 5, 2-5(6-11)12-14

 zurück        

Sonntagsgedanken zu Jubilate

Darum werden wir nicht müde!

Sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt,

so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert.

Denn unsere Bedrängnis, die zeitlich und leicht ist,

schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit,

uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare.

Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich;

Was aber unsichtbar ist, das ist ewig. (2. Brief des Paulus an die Korinther 4,16 - 18)

Liebe Gemeinde,

vor einigen Tagen telefonierte ich mit einem guten Freund, der altersbedingt nur noch wenige Haare auf seinem Kopf hat. Und wie so oft in dieser Zeit landeten wir ganz schnell beim Thema Corona-Pandemie und schütteten uns gegenseitig das Herz aus. Die fehlende Möglichkeit zum Friseur gehen zu können, brach sich dann plötzlich Raum. “Ach“, sagte mein Freund“, "das ist doch kein Problem: Wenn ich nicht zum Friseur gehen kann, dann mach ich mir eben einen Zopf.“ Ich erwiderte: “Ja und dabei hast du noch den Vorteil, dass ihn kein Mensch bemerkt und du immer adrett aussiehst.“ Wie Sie sich denken können, haben wir beide lauthals angefangen zu lachen. Es gibt sie - auch in Coronazeiten -, die kleinen Gelegenheiten, wo wir fröhlich sind. Allerdings erlebe ich in vielen Telefonaten zur Zeit meistens anderes: Angst um die Familie und besonders um die Kinder, Angst um sich selbst, Sorgen bzgl. der persönlichen finanziellen Lage, Unsicherheiten in Bezug auf Vieles, was zur Zeit nicht möglich ist. Traurigkeit, dass es im Moment noch keine Gottesdienste gibt und Karfreitag und Ostern keine gab… . 

In dieser Gefühlslage hören wir die Worte des Apostels Paulus : Darum werden wir nicht müde! Ich denke, Paulus meint damit nicht die Müdigkeit nach einem arbeitsreichen Tag, dem ein gesunder Schlaf folgt. Sondern, wenn Paulus sagt: Wir werden nicht müde, dann meint er:

Wir verzagen nicht!

Wir resignieren nicht!

Wir bewältigen auch Situationen, die aussichtslos erscheinen!

Wir behalten den Kopf oben, auch wenn wir nicht wissen, wie es weitergehen soll!

Wir werden nicht müde! Diese Aussage des Paulus hat einen aufweckenden, ja einen mutmachenden Klang. Woher nimmt der Apostel diese Kraft, diese Zuversicht? So schreibt er: …wir sehen nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare.

Was heißt das überhaupt, und wie ist das möglich: auf das zu sehen, was man nicht sehen kann? Oder würden Sie auch – wie Paulus – sagen können: Unsere Bedrängnis, also das, was uns bedrückt und uns Angst macht, all das ist leicht und zeitlich. All das ist vorrübergehend. Ja, es ist leicht gegenüber der ewigen Herrlichkeit? Für mich klingt das irgendwie wie Vertröstung auf ein Jenseits oder wie eine Beschwichtigung: Es ist alles nicht so schlimm! Was fangen wir damit an, bei einem Besuch bei einem Schwerkranken, bei einem  Gespräch mit einen Menschen, der angesichts von Corona völlig verzweifelt ist, bei einem Gespräch mit den Angehörigen eines Menschen, der von Covid-19 betroffen ist und beatmet wird?

Tatsächlich sind die Worte des Paulus immer wieder im Sinn einer Vertröstung und Beschwichtigung verstanden worden. Man kann allerdings bezweifeln, dass Paulus sie so gemeint hat. Denn kurz vor den Zeilen unseres Predigttextes schreibt er:

Wir sind von allen Seiten bedrängt

Uns ist bange

Wir leiden Verfolgung

Wir werden unterdrückt.

Paulus ist in großer Bedrängnis. Er weiß, wovon er redet. Er selbst hätte also allen Grund, voller Angst, nichts tun zu können, zu resignieren und müde zu sein. Damit wäre er in seinem Empfinden als Mensch ganz nah bei uns heutigen Menschen. Aber trotzdem sagt er: Wir werden nicht müde!

Denn Paulus weiß noch von einer anderen Erfahrung! So schreibt er

nicht nur Wir sind von allen Seiten bedrängt, sondern auch, aber wir ängstigen uns nicht; nicht nur Uns ist bange, sondern auch, aber wir verzagen nicht;

nicht nur Wir leiden Verfolgung sondern auch, aber wir werden nicht verlassen;

nicht nur Wir werden unterdrückt, sondern auch, aber wir kommen nicht um.

(s. 2. Kor 4,8.9)

All das sieht Paulus nicht als Ergebnis seiner eigenen Bemühungen an, sondern er nimmt es als Geschenk Gottes an. Paulus weiß sich mit all seinen negativen und positiven Erfahrungen mit seinem Herrn Jesus Christus verbunden. Paulus geht davon aus, dass er einerseits am Leiden und Sterben seines Herrn Jesus Christus teilhat, also auch sein eigenes Kreuz zu tragen hat. Andererseits glaubt er, dass er bereits zu Lebzeiten auch an der Auferstehung seines Herrn teilhat. Die Kraft dieses Lebens, des Lebens des Auferstandenen, ist es, die Paulus trotz aller Bedrohungen, denen er ausgesetzt ist, nicht aufgeben lässt. Diese Kraft lässt ihn nicht müde werden.

Liebe Gemeinde,

vielleicht ist es gerade in Corona-Zeiten gut für uns, bei Paulus die Schulbank zu drücken. Denn er lässt sich partout nicht irre machen und fängt aus seinem Glauben heraus – allem zum Trotz – immer wieder neu an. Wir können hoffen und Gott darum bitten, dass sich  - so wie bei Paulus - das Leben des Auferstanden an uns offenbart und uns hält. Dass wir erfahren und darüber staunen: Darum werden wir nicht müde!               

Amen!

Gott segne und behüte Sie!

Herzliche Grüße

Ihre Jutta Kröger, Pfarrerin

 zurück            

Sonntagsgedanken zu Misericordias Domini

 

Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; der unsere Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. 1. Petrus 2, 21-24


Liebe Gemeinde,

Leiden und Heilwerden, das ist der Bogen, den der 1. Petrusbrief in diesem Predigttext spannt.

Es ist ein später Brief, der sich zwar auf den Apostel Petrus beruft, aber wahrscheinlich aus der Schule des Paulus stammt. Er richtet sich an Gemeinden im nordwestlichen Kleinasien, dem heutigem Griechenland. Er hat Gemeinden aus der Zeit um 100-120 n. Christus vor Augen. Sie mussten sich mit chronischen, immer wieder aufflammenden Verfolguungen ihres Glaubens auseinandersetzen, da die verschiedenen Kaiser jener Zeit immer noch ihren Tribut im Staatskult forderten. Dennoch werden immer noch viele Christen als Erwachsene bekehrt worden sein und die Haus- oder Kindertaufe eher die Ausnahme gewesen sein.

Der einzelne Christ und sein Gewissen in der Zeit der Verfolgung ist die Voraussetzung der oben aufgeschriebenen Zeilen. Gerade die neuen Christinnen und Christen, die am Anfang begeistert ihr Taufkatechumenat absolviert hatten und dann in der Osternacht getauft wurden, werden hier ermutigt, durchzuhalten und den Anfeindungen und Versuchungen der Umwelt nicht nachzugeben! Denn neben mangelnder Religionsfreiheit gab es ja auch noch andere Probleme im römischen Weltstaat, soziale Ungleichgewichte in der Gemeinde z.B., wie das Zusammenleben von Freien und Leibeigenen. Vielleicht mag auch hier manche Hoffnung auf Besserung der persönlichen Situation im Alltag nach dem Beitritt zur Gemeinde, also nach der Taufe, sich in Luft aufgelöst haben. Das Leben ist ja zu allen Zeiten durch verschiedene Ebenen gekennzeichnet. Wir leben immer in 'verschiedenen Ringen', privat und öffentlich, physisch und emotional. Der Verfasser in apostolischer Nachfolge will deshalb die ganze Gemeinde, aber besonders die Neuen trösten und (er)mahnen.

Und wie gelänge ihm dies besser, als wie er es tut, indem er auf Jesus Christus hinweist als unseren guten Hirten. Denn wer zum Glauben gekommen ist, nennt sich Christ und hat sich schon je von Jesus beeindrucken lassen, seinem Leben und Leiden, seiner Geduld und Klugheit, seiner Barmherzigkeit und vor allem durch sein Kreuzes-Schicksal, in das er sich demütig ergeben hat. Nie hat Jesus die Hand erhoben gegen jemanden. Außer einigen umgestürzten Tischen im Tempel sind keine Übergriffe von seiner Hand ausgehend berichtet. Im Gegenteil heißt es in der Bergpredigt von ihm: „Wenn jemand dir auf die rechte Wange schlägt, so halte ihm auch die andere hin.“ (Mt. 6,39)

Zur Zeit leben wir in ganz besonderer Zeit, von Covid-19 beherrschten. Diese Virus-Epidemie birgt die Gefahr in sich, dass unsere demokratischen Grundrechte längere Zeit ausgesetzt werden müssen wie die Reisefreiheit und Versammlungsfreiheit. Auch die Wirtschaft könnte auf allen Ebenen schweren Schaden nehmen.. Die Geduld aller Bürgerinnen und Bürger, gleich welcher Konfession und Religion, gleich welchen Berufes, wird schwer geprüft. Gerade die letzten sog. 'Lockerungen' im Wirtschaftsleben führen dazu, dass Unruhe, Ungeduld, ja auch Neid auftreten, nach dem Motto: „Warum die und noch nicht wir?“ Dabei war gerade noch die Einsicht aller Beteiligten da, dass es darum geht, die Welt, wie wir sie kennen, zu schützen, unsere Lebensformen, die Familien, die wir lieben, die Gruppen und Kreise, in denen wir leben. Und auch den Wohlstand, den wir gewohnt sind...Aber, wenn es (wirtschaftlich) eng wird, wird der Ton rauher. Sollte er aber nicht, denn „er hat euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr nachfolgen sollt seinen Fußstapfen“!

Es ist nicht einfach, Geduld zu beweisen, sicherlich. Wir alle, die in unseren gewohnten Arbeitsabläufen noch aufgehalten werden, könnten uns doch auch selbst etwas zum Infektionsschutz überlegen und wieder loslegen... Ja, das wollen wir, und wir werden es auch, aber so, dass wir unsere anderen Werte nicht aus dem Auge verlieren, den Schutz des Lebens zuerst und auch all' die anderen Werte. In der Mitte der 10 Gebote, so sagt Fulbert Steffensky, steht das Gebot „Du sollst nicht töten“, besser ausgedrückt: „Du sollst das Leben, das Gott gegeben hat, schützen!“ Was das heißt, haben wir immer wieder neu zu bedenken und auszulegen. Wenn wir in diesen Zeiten wirklich nicht alles richtig machen können, d.h. in wahrgenommener Verantwortung und Entscheidung je und je auch schuldig werden, so bleibt uns der Trost von Jesus Christus. Er hat diese Sünden, so ruft es uns der Verfasser zu, schon auf das Holz hinaufgetragen.

Martin Luther pflegte sich in schwierigen Zeiten „Du bist getauft!“ mit Kreide auf den Arbeitstisch zu schreiben. Ich denke, das ist eine gute Form, die Erinnerung an das Heilwerden in Christo für sich festzuhalten. Denn durch seine Wunden seid Ihr heil geworden! Lasst uns diese Gnade annehmen und in unserem Leben auch Spuren davon hinterlassen. Amen.

Pfr.in Stefanie Pensing


Lied: EG 644, Selig seid ihr:

Selig seid ihr wenn ihr einfach lebt. Selig seid ihr, wenn ihr Lasten tragt. Selig seid ihr, wenn ihr lieben lernt. Selig seid ihr, wenn ihr Güte wagt. Selig seid ihr, wenn ihr Leiden merkt. Selig seid ihr, wenn ihr ehrlich bleibt. Selig seid ihr, wenn ihr Frieden macht. Selig seid ihr, wenn ihr Unrecht spürt.“ (F. K. Barth und P. Horst 1979, Melodie: Peter Janssens, 1979)

 zurück           

Der Sonntag Quasimodogeniti, 19. April 2020

Der erste Sonntag nach Ostern hatte eine feste Bedeutung in der altkirchlichen Tauftradition. An diesem Tag legten neugetaufte Christinnen und Christen die weißen Kleider wieder ab, die sie seit der Osternacht getragen hatten. Es ist möglich, dass der katholische Name „Weißer Sonntag“ auf diesen Brauch zurückgeht. So hat der Sonntag Quasimodogeniti, dessen Name sich nach den ersten Worten des Eingangspsalms richtet, seit der Urkirche etwas mit Mündigkeit im Glauben zu tun – genau wie die Konfirmation.

Aber was macht die Mündigkeit im Glauben aus? Eine Gewissheit, eine Sicherheit, eine Zuversicht, ein Festhalten an dem, was überliefert ist, was mir erzählt, ja im Unterricht beigebracht wurde?

Ist das Glauben?

Die Texte des Sonntags, allen voran das Evangelium vom sogenannten ungläubigen Thomas, bietet einen anderen Gedanken an: Der Auferstandene kommt mir mit all meinen Fragen und in all meinem Zweifel entgegen, ich darf ihm begegnen, er streckt mir seine Hände entgegen und ermutigt mich: „Sei nicht ungläubig, sondern glaube auch gegen den Augenschein. Denn ich bin da!“

Wochenspruch: Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. (1. Petr 1, 3)

Wochenlied: Mit Freuden zart (EG 108)

Predigt zum 1. Sonntag nach Ostern 2020 (Quasimodogeniti) – Johannes 20, 24-29 –

von Pastor i.R. Oskar Greven

Berühre mich – aber fass mich nicht an!“ Das war vor kurzem auf der Titelseite einer christlichen Zeitschrift (Publik-Forum) zu lesen und als Überschrift eines Essays zur Coronakrise. Genial zusammengefasst: wir möchten und brauchen zur Zeit beides: Vorsicht und Rücksicht im Kontakt miteinander und doch zugleich auch innere Nähe und Verbundenheit. „Berühre mich – aber fass mich nicht an!“ Genau dieser doppelte Wunsch schwingt auffallenderweise auch in vielen Ostergeschichten mit, die wir in diesen Wochen nach Ostern aus der Bibel hören und bedenken.

Da ist Maria Magdalena, die den Leichnam Jesu sucht, zu seinem Grab geht und dann plötzlich vor Jesus, dem Auferstandenen, steht, den sie zuerst noch für den Gärtner hält. Als er sie dann aber bei ihrem Namen nennt, erkennt sie ihn und streckt die Hände nach ihm aus. „Rühre mich nicht an!“ ruft Jesus ihr zu, „denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater“.                      

Da sind die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus, die dem Auferstandenen begegnen, und ihn zuerst ebenfalls nicht erkennen. Aber als er dann mit ihnen zu Tisch sitzt und das Brot bricht, bitten sie ihn: „Herr, bleibe bei uns!“ Doch „er verschwand vor ihnen“.

Und jetzt ist da Thomas, der nicht glauben kann, was die anderen ihm erzählen: „Wir haben den Herrn gesehen“. Nein, antwortet er ihnen: „Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich`s nicht glauben.“ Plötzlich steht Jesus, der Auferstandene, auch vor ihm und lädt ihn, seine Hand in seine Seite zu legen, damit er glauben kann, dass er es ist.

Aber das braucht Thomas nun nicht mehr. Nicht mit seinen Händen, sondern mit dem Innersten seines Herzens versteht und glaubt er: Ja, Jesus lebt! Als er ans Kreuz geschlagen wurde, sind wir aus Angst geflohen. Aber sie haben ihn nicht wirklich töten können. Er lebt, ich kann seine Nähe spüren, seine Kraft, seine Liebe – so wie früher, nein, noch viel mehr und viel stärker!

Unsere Hände wollen berühren, wollen begreifen, wollen festhalten – von Kindesbeinen an; denn wir brauchen Nähe und Stütze unser Leben lang. Aber es gibt da auch eine Grenze: unsere Hände müssen es lernen, in bestimmten Situationen und zu einer bestimmten Zeit andere loszulassen und freizugeben, Abstand zu halten und zu warten – um anderen Freiheit und Freiraum zu geben, oder eben auch, um uns selbst und andere zu schützen in Gefahrenzeiten wie jetzt in der Coronakrise. Das kann wehtun, das fällt oft gar nicht leicht, aber wir erfahren dabei, wie wir auch auf andere Weise Nähe, Schutz und Stütze schenken und empfangen können.

Thomas hat wie die anderen Jünger durch die Begegnung mit dem Auferstandenen erfahren: nun beginnt eine neue Zeit! Wie lange waren wir daran gewöhnt, dass er uns den Weg zeigte, dass er uns den Willen Gottes erklärte, dass er Menschen aus ihren Ängsten herausführte und ihre Verletzungen heilte. Wie wohltuend war für uns und für sie seine Berührung, seine Kraft, seine Liebe. Aber jetzt wächst diese Kraft und diese Liebe in uns selber, Er lässt sie in uns wachsen, Er lässt uns erwachsen werden, damit wir andere stärken und heilen können.

„Quasimodogeniti“ heißt dieser erste Sonntag nach Ostern; auf Deutsch: „wie die neugeborenen Kinder“ - so sollen und dürfen wir sein durch das neue Leben in und mit Jesus Christus, dem Auferstandenen. Jetzt ist die Zeit für eine wunderbare Verwandlung, viele Auferstehungen, heilsame Begegnungen mit Ihm und mit unseren Mitmenschen! Wir werden gesucht und besucht von dem, der seinen Auferstehungsweg mit, in und durch uns weitergehen will. Eine neue Zeit ist da, mit und nach Corona, aber noch viel mehr: mit und nach Ostern. Auferstehung, Aufstehen für das Leben!

Pastor Oskar Greven, Soest-Enkesen, 14.4.2020

 zurück                

Video-Andachten von Karfreitag bis Ostern

Die Video-Andacht zum Ostersonntag sehen Sie hier:

https://youtu.be/QValFOMGu0c

„Er ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“

Wir laden Sie ganz herzlich zu unseren digitalen Andachten ein: Auferstehungsandacht auf dem Friedhof in Bad Sassendorf und Osterandacht in der Kirche Sst. Simon und Judas Thaddäus in Bad Sassendorf. Leitung: Pfarrerin Stefanie Pensing

Die Video-Andacht zur Osternacht sehen Sie hier

https://www.youtube.com/watch?v=h8N8aMRieRA

Osternacht St.-Urbanus zu Weslarn

Die Video-Andacht zum Karfreitag sehen Sie hier:

https://youtu.be/hgGqGLMvpsw

"Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." (Joh 3,1)

Andacht zum Karfreitag aus der evangelischen Zwölf Apostel Kirche in Möhnesee-Körbecke ein. Liturg: Pfarrer Dietrich Woesthof.

zurück