Predigt zur Jubiläumskonfirmation 2021

Hier können Sie die Predigt zur Jubelkonfirmation 2021 einsehen und herunterladen

Texte, Andachten und Videos in der Zeit ohne Gottesdienste

Predigten ab Karfreitag bis zur Pfingst-Zeit

Predigt zum Sonntag Exaudi, 16.05.2021 - auch zum Herunterladen

Predigt zu Himmelfahrt, 13.05.2021 - auch zum Herunterladen

Predigt zum Sonntag Rogate, 9.05.2021 - auch zum Herunterladen

Predigt zum Sonntag Kantate, 2.05.2021 - auch zum Herunterladen

Predigt zum Sonntag Jubilate, 25.04.2021 - auch zum Herunterladen

Predigt zum Sonntag Misericordias Domini, 18.04.2021 - auch zum Herunterladen

Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti, 11.04.2021 - auch zum Herunterladen

Predigt zum Ostersonntag, 04.04.2021 - auch zum Herunterladen

Predigt zu Karfreitag, 02.04.2021 - auch zum Herunterladen

und

Video-Gottesdienste u.a. finden Sie unter "Service"

Hoffnungsworte auf Musik-CD

Hoffnungsworte auf Musik-CD

Diese CD mit Musikstücken und Bibeltexten aus der Region „Zwischen Lippe und Möhne“ liegt in den beiden Dorfkirchen aus und kann auch im Geschäftszimmer während der üblichen Öffnungszeiten abgeholt werden. 

Die evangelischen Kirchengemeinden östlich von Soest bilden eine gemeinsame Region mit ungefähr 9000 Gemeindegliedern, die miteinander kooperieren. Sie bewahren Traditionelles und versuchen gemeinsam Neues wie zum Beispiel die Veröffentlichung der CD: „Damit Ihr Hoffnung  habt. Musik und Lesungen.“ Es wird um eine Spende gebeten, die in den Opferstöcken der Kirchen deponiert werden kann.

Ökumenischer Kirchentag

Am 14. Mai um 20.00 Uhr wurde das Oratorium EINS in einem Live-Streaming übertragen und aufgezeichnet.

Viele Veranstaltungen und das Oratorium ist nun in der Mediathek auf oekt.de erreichbar.

Die Aufzeichnungen werden auch nach dem ÖKT noch bis Ende 2021 bereitstehen.

Predigt für den Sonntag Exaudi, 16.05.2021

Predigt für Sonntag Exaudi, 16.05.2021

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! 

Liebe Gemeinde!

Der Predigttext des Sonntages Exaudi steht im Johannes-Evangelium im 7. Kapitel:

Am Letzten, dem höchsten Tag des Festes trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht. (Joh.-Ev. 7, 37-39)

 

Liebe Gemeinde,

der Sonntag Exaudi liegt sozusagen im „Niemandsland“. Wir haben im Kirchenjahr Christi Himmelfahrt im Rücken. Pfingsten leuchtet von Ferne. Dazwischen liegen 9 Tage „Niemandsland“. Warten und Hoffen ist angesagt. Der Name des Sonntages „Exaudi“ ist das erste Wort aus Psalm 27,7, der die flehentliche Bitte an Gott mit folgenden Worten ausdrückt: “Höre Herr, meine Stimme, wenn ich rufe! Sei mir gnädig und erhöre mich!“ Spannung liegt über den 9 Tagen zwischen der Himmelfahrt des Auferstandenen und der Ausgießung des heiligen Geistes an Pfingsten. „Höre Herr, meine Stimme …“ so rufen wir im „Niemandsland“. Denn unsere Seele weilt dort oft. Es ist sozusagen ihr Arbeitsplatz! 

Denn die Fülle des Osterfestes ist Erinnerung geworden. Jesus ist nicht mehr so unmittelbar bei uns. Wir warten auf einen neuen Impuls, eine neue Qualität der Beziehung. Und während wir warten macht uns Vieles zu schaffen:  Die Corona-Pandemie, die Eskalation der Gewalt in Israel und Palästina, unsere eigenen Sorgen ... 

Unser heutiger Predigttext richtet sich an unsere Seelen im „Niemandsland“. Wie tröstlich ist es gerade jetzt, Jesu Worte zu hören, wie sie im Johannes-Evangelium überliefert sind: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von dessen Leibe werden … Ströme lebendigen Wassers fließen.“ Jesus hat diese wichtige Botschaft ursprünglich am Ende sozusagen auf dem Höhepunkt des jüdischen Laubhüttenfestes an die versammelte Menge gerichtet. Das Laubhüttenfest ist ein großes Fest der Israeliten. Zum Anlass dieses Festes bauten die Juden damals wie heute einfache Hütten aus Ästen und Laub, die an die provisorischen Behausungen ihrer Vorfahren bei der Wüstenwanderung erinnern sollen. Das Laubhüttenfest ist zugleich aber auch ein Erntedankfest. Zurzeit Jesu fand das seinen Ausdruck in einer täglichen Wasserprozession, die vom Teich Siloah zum Tempel führte. Auf diese Weise dankte das Volk seinem Gott für den Ertrag der Felder und bat zugleich nach einem langen Sommer um den dringend notwendigen Regen. Mit dem Teich Siloah hatte es aber noch eine besondere Bewandtnis. Er wurde von einer verborgenen Quelle gespeist, was dem Wasser eine hohe Qualität verlieh. Dieses von allen als „reines, lebendiges Wasser“ gepriesen, ließ sich mit der abgestandenen Brühe in Gruben und Zisternen der damaligen Zeit überhaupt nicht vergleichen. Dieses besondere, lebendige Wasser war für das israelitische Volk geradezu einen Kostbarkeit. Und so wurde die Bitte darum in Form einer eigenen Prozession Jahr für Jahr erneuert. 

Diesen Hintergrund gilt es vor Augen zu haben, wenn wir die Botschaft Jesu hören, die er beim Laubhüttenfest verkündet: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke. Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ Ein großartiger Ruf ist das und eine wunderbare Einladung. Jesus will, dass kein Mensch mehr dursten muss, die Zuhörer/-innen beim Laubhüttenfest damals nicht und wir heute auch nicht. Das meint er natürlich nicht im wörtlichen, sondern im übertragenen Sinn. Im übertragenen Sinn, verspricht er allen, die an ihn glauben, ein erfülltes Leben. 

Viele Menschen leiden Durst – davon geht Jesus aus. Sie leiden – auch außerhalb von Corona – an der Öde und Trockenheit ihres Lebens, an dem täglichen Einerlei und dem immer wiederkehrenden Trott. Sie spüren, dass es doch noch mehr geben muss als diesen ständigen Kreislauf von Arbeiten, Essen und Schlafen. Sie mühen sich ab wie ein Hamster im Rad und bleiben doch innerlich leer und unglücklich. Daher rühren die eigentümliche Unruhe und Hast, die so kennzeichnend geworden sind für unsere Zeit. Daher rührt die Angst, zu kurz zu kommen oder etwas zu verpassen. Die Corona-Pandemie macht das richtig deutlich: lange Schlangen vor den Geschäften, wenn man keinen negativen Corona-Test vorlegen muss. Gerade so als wenn wir alle nur eine Hose und ein paar Schuhe im Schrank hätten. ... Hinter all dem steckt, so meine ich, auch die Sehnsucht nach dem wahren und wirklichen Leben, die Sehnsucht nach Liebe, Erfüllung und innerem Frieden. 

Mit seinem Ruf lädt Jesus alle Durstigen und Sehnsüchtigen zu sich ein. Er tut dies ohne Einschränkung und Vorbedingung. Wer Durst hat, der darf zu ihm kommen. Wer ihm etwas zutraut, darf sich überraschen lassen – von einem neuen Lebensgefühl, einem ganz neuen Geist. Und das sind keine leeren Worte, liebe Gemeinde. Immer wieder ist in den Evangelien davon die Rede, wie Menschen durch die Begegnung mit Jesus verändert werden. Er öffnet den Blinden die Augen, den Tauben die Ohren, den Stummen den Mund. Den Sünderinnen und Sündern schenkt er Vergebung und den Enttäuschten Hoffnung. 

Stellvertretend für viele andere Geschichten erinnere ich hier nur an die Begegnung zwischen Jesus und einer samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen, von der der Evangelist Johannes im 4. Kapitel seines Evangeliums erzählt. Die Frau hat ein bewegtes Leben hinter sich. Fünf Männer hat sie gehabt; nun lebt sie mit einem sechsten in „wilder Ehe“. Ihr Durst nach Leben hat sich nicht erfüllt; zurückgeblieben ist nur das Gefühl einer großen Enttäuschung. Um die Mittagszeit kommt diese Frau zum Jakobsbrunnen, um Wasser zu schöpfen. Da spricht Jesus sie an und macht ihr ein seltsames Angebot. Er verspricht ihr lebendiges Wasser, das ihren Lebensdurst für immer stillen kann. Obwohl die Frau ihn nicht sofort versteht, ahnt sie doch, dass sich hinter den Worten dieses fremden Mannes ein Geheimnis verbirgt, das ihrem Leben eine völlig neue Richtung geben kann. Sie ist so tief berührt von Jesu Aussagen, dass sie ihren Wasserkrug am Brunnen vergisst und in die Stadt zurückläuft, um ihren Bekannten von dieser wunderbaren Begegnung zu berichten. 

Ich traue es dem Geist Jesu zu, dass er auch heute noch unser Leben verändern kann, ebenso wie das der samaritanischen Frau. Ich traue es ihm zu, dass er auch heute Verzagte ermutigen, Traurige trösten und Heillose heilen kann. Denn auch die ersten Jünger damals waren nach Christi Himmelfahrt traurig und mutlos. Doch am Pfingsttag in Jerusalem spürten sie eine ganz neue, vorher nicht gekannte Kraft Gottes. Der Heilige Geist, der Geist Gottes schenkte ihnen neuen Mut und neue Kraft. Die Jünger trugen diesen Geist hinaus in ihre Umgebung und steckten voller Begeisterung und Überzeugung ganz viele damit an.  So erfüllte sich an ihnen das Wort Jesu: „Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ Die Jünger damals flossen in der Tat geradezu über von Mut, Begeisterung und Freude. Ihre Traurigkeit war nicht vergessen, aber sie war überwunden. Kein Wunder, dass dies auf viele andere anziehend, ja geradezu mitreißend gewirkt hat. 

Liebe Gemeinde,

wenn Jesus Christus sagt: „wen da dürstet, der komme zu mir und trinke“, dann wird uns deutlich, für wen sein Herz schlägt: für die Mühseligen und Beladenen, die Einsamen und Verlassenen, die Traurigen und Bedrückten. Eben für Menschen wie die Samaritanerin am Brunnen oder wie die Jünger nach der Himmelfahrt. – Eben auch und gerade für Menschen wie du und ich! Zu allen sagt Jesus etwa: „Ganz gleich, wo du herkommst und wo du gerade stehst; ganz gleich, welche Lasten der Vergangenheit du mit dir rumschleppst und welche Sorgen um die Zukunft dich quälen; ganz gleich, wer du bist und wie es dir gerade geht – bei mir bist du willkommen! Bei mir darfst du alles ablegen, was dich bedrückt und beschwert. Ich kann Wüsten zum Blühen bringen und verschüttete Quellen zum Sprudeln. Lege dein Leben in meine Hand und vertraue dich mir an, und du wirst es erfahren. Und wenn du es erfahren hast, dann kannst du auch zu einer sprudelnden Quelle für andere werden. Dann werden Kräfte in dir frei, wie du es nicht vermutet hättest. Dann werden Ströme lebendigen Wassers von dir ausgehen, zur Belebung und Erquickung für andere.“

Amen  

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen 

 

Einen gesegneten Sonntag!

Mit lieben Grüßen

 

Ihre Pfarrerin Jutta Kröger

Predigt für Himmelfahrt, 13.05.2021

Predigt für Himmelfahrt, 13.05.2021

Die nun zusammengekommen waren, fragten ihn und sprachen: „Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel?“ Er sprach aber zu ihnen: „Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat; aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ Apostelgeschichte, 1, 6-8

 

Liebe Gemeinde,

da haben die Jünger doch noch eine wichtige Frage an Jesus, als er sich verabschiedet. Sie haben nur eine Frage und dann ist es diese: „Wirst Du denn wieder die Herrschaft Gottes in Israel aufrichten?“ Wir sind auf dem Berg gegenüber dem Tempelberg dort wo heute die Himmelfahrtskirche steht. Die Jünger kennen diese Stelle gut, waren sie doch oft mit Jesus hier, in der Natur. Einmal waren sie auch auf einem Berg. Es muss nicht dieser gewesen sein, es gibt viele Berge im Hügelland von Galiläa. Er nahm auch nur drei von ihnen mit, Petrus, Jakobus und Johannes. Und sie hatten es gut mit ihm. Er war ihnen nah und redete mit ihnen, wie er es nie getan hatte.“ Und als er betete, wurde das Aussehen seines Angesichts anders, und sein Gewand wurde weiß und glänzte. Und siehe, zwei Männer redeten mit ihm, das waren Mose und Elia.“ Damals, da wollten sie da oben bleiben, und drei Hütten bauen, denn „Hier ist gut sein.“ Ja, die ‚Mühen der Ebenen‘, die lagen dort oben hinter ihnen. Ihr Meister auf Augenhöhe mit den größten jüdischen Propheten und Anführern. Nun wussten sie, wofür sie mit ihm unterwegs waren. Da vergessen sie sogar die anderen Jünger und wollen oben bleiben, immer nur oben bleiben. Und dann kam eine Wolke und überschattete sie alle. So tief fliegen die Wolken normalerweise nicht. Und eine Stimme erschütterte sie aus der Wolke: „Das ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören!“ (Mk 9,7) Da hatten sie also eine Offenbarung erlebt, sie waren teilhaftig geworden seiner göttlichen Gegenwart. Und in diesem Augenblick sehen sie ihn wieder klar und deutlich: Jesus, allein. Und sie schwiegen davon und erzählten davon niemand, so wie es Jesus auch wollte, er hieß sie zu schweigen, bis „der Menschensohn auferstünde von den Toten.“ (Mk 9,9) 

Es gibt Dinge, die kann man nicht beschreiben, die kann man nicht erklären, es würde einem sowieso niemand glauben. Und so ergeht es hier auch den drei Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes. Dennoch werden sie es wie ein kostbares Geheimnis in ihrer Erinnerung behalten haben. Wann immer er angefeindet wurde von seinen Gegnern, wann immer sie Hunger oder Durst litten auf den langen Weg durch die galiläische Landschaft als heimatlose Wandergenossen, werden sie sich diese Erfahrung in Erinnerung gerufen haben. Ja, so sagten sie sich, ‚wir wissen mehr, er ist zu größerem bestimmt und wir werden dabei sein‘. Aber die Erfahrung ist nicht stetig und standhaft. Sie ist aktuell, kurzzeitig, angelegentlich besonderer Situationen. In der einen dunklen Nacht vor Ostern, da wird Petrus seinen Herrn doch dreimal verraten, verleugnen. Ja, es erweist sich wieder im Leben dieser Menschen: Macht und Ohnmacht, sie liegen so nah beieinander bei diesem Rabbi, Lehrer und Meister. Das Geheimnis bleibt, aber es ist - wie so oft - unter dem Gegenteil verborgen. Er wird wieder erhöht werden, wie damals auf dem Berg; ja – aber erhöht ans Kreuz. Wer kann das glauben? Die Sichtbarkeit und Erhöhung des Christus und sein Entschwinden fallen auf dem Berg der Himmelfahrt in eins. Und wieder kehren sie zurück in die Mühen der Ebene, auf Weg zurück. Aber wenn sie in die alte Heimat gewollt hätten, nun Jesus Christus wünscht sich konkret etwas Anderes von ihnen. Sie sollen nicht zurück nach Galiläa gehen, sie sollen nicht wieder Fischer oder was auch immer sie waren werden. Sie sollen gegenüber in Jerusalem bleiben, sie sollen dort mutig bleiben und seine Zeugen sein! Jetzt heißt es: Die Gefahr aushalten, die dort für sie schlummern könnte, sich nicht in geschlossene Räume verfügen, sondern offen sein für das große Geschenk, das er ihnen machen wird, das Geschenk des Heiligen Geistes. 

Nach der Erfahrung auf dem Berg der Verklärung sollten sie schweigen, nach dem Erlebnis auf dem Berg der Himmelfahrt sollen sie reden! Das ist das Neue, was er ihnen vermittelt. Sie werden weder allein noch verlassen sein! Er muss gehen, das ist unausweichlich, aber er gibt ihnen ein besonderes Adieu mit auf den Weg, auf dem Wege schon zu Gott: Geht unter der Gnade, aber geht nach Jerusalem, dort werdet ihr meine Zeugen sein, und von dort wird es ausgehen und weitergehen, in ganz Judäa, in Samarien und bis ans äußerste Ende der Erde! 

Ach, was sind das weitreichende Versprechungen, nun, da sie ihn gehen lassen müssen. Sie können ihn nicht festhalten, das wissen sie und würden es doch so gerne. Wie kann man den Glauben behalten, wenn man IHN nicht festhalten kann? Die Jünger machen eine Erfahrung, die viele Menschen machen: Die Liebe kann man nicht festhalten, man muss sie frei geben, damit sie als Liebe bei einem bleibt. „Er führte sie hinaus und hinauf!“

Das heißt auch: Er führte sie ins Freie, in die Zukunft! In eine Zukunft ohne ihn. 

Denn nun müssen sie ohne ihn mit ihm leben. Ob es ihnen, ob es uns gelingt? Es ist ein Wagnis, jeden Tag wieder neu. Die Jünger hatten wenigstens die Erfahrung seine Präsenz und damit kostbare Erinnerungen. Was haben wir? 

Fulbert Steffensky schrieb einmal: „Man kann sich mit allen Zweifeln, mit allen Wünschen in die Erzählung (der biblischen Geschichte) stürzen. Sie wird uns auffangen und unsere Hoffnung bilden. Es hat seine eigene Zartheit, einen Glauben zu haben, der sich auf die Erfahrungen von anderen stützt und der den Zweifel nicht ganz ausschließt.“ (F. Steffensky, Schöne Aussichten, S. 56) 

So hören wir auf Jesu Christi Wort: Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein und werdet meine Zeugen und Zeuginnen sein! Die Jünger und auch die Freundinnen Jesu waren – auch wenn sie es damals noch gar nicht wissen konnten – gute Zeugen und Zeuginnen, denn ihre Erinnerungen und ihre Erzählungen waren die Basis für das, was uns heute beschäftigt. Ihre Geschichte ist durch Generation auf Generation bis auf uns gelangt! Und ob wir nun in Jerusalem in der Himmelfahrtskirche stehen oder ob wir auf der Lohner Höhe stehen oder am Möhnesee auf dem Hausberg gegenüber, wir haben keinen leeren Himmel um uns, sondern einen Offenen Himmel über uns! Unsere Zukunft ist offen, der Himmel ist voller Güte und Treue, denn das hat uns Gott versprochen. Er wird bei uns sein und uns seinen Geist schicken, den sogenannten Heiligen Geist, Geist der Gemeinschaft, die von Jesus kommt. Eine Kraft, die unsere Hoffnungen für  Himmel und Erde verbindet. Es gibt dadurch ein offenes Hin und Her. Einen Austausch von Oben und Unten, von Erde und Himmel, von Gott und Mensch. Denn „Deine Güte Gott reicht so weit der Himmel ist, und so weit die Wolken gehen.“ Amen. 

Bad Sassendorf, den 13.05.2021                               Stefanie Pensing, Pfarrerin

Predigt für Sonntag Rogate, 9.05.2021

Predigt für Sonntag Rogate, 9.05.2021

Lukas 11, 1-13 in Auszügen: „Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf. Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und war da anklopft, dem wird aufgetan.“

 

Liebe Gemeinde,

sind Sie schon einmal aus dem Schlaf geholt worden durch das Klingeln von einem Nachbarn oder einem Fremden an der Haustür? Dann wissen Sie, wie sehr man sich gestört fühlen kann, so dass man gar nicht weiß, wie einem geschieht. Mir ist es einmal so ergangen, dass ich ein Mittagsschläfchen einlegen musste, da die Tage lang und die Nächte aus irgendeinem Grunde kurz waren. Vielleicht stand noch ein Abendtermin an, an dem ich fit sein  wollte. Jedenfalls klingelte es an der Pfarrhaustür und zwei Männer, die ich nicht kannte, streckten mir sofort die Hand zum Gruß entgegen. So schnell, wie es selbst unter uns Deutschen, die wir – vor Corona – den Handschlag so liebten, ungewohnt war. In gebrochenem Deutsch erklärten sie mir ihre Not, dass sie hier arbeiten wollten, keine gefunden hätten und jetzt kein Benzin mehr hätten und auch nichts zu essen. Ich ahnte schon, was sie wünschten und ich hatte in dieser Situation auch gar keine Widerstandskraft, noch lange zu diskutieren. Ich versorgte sie mit einem Geldbetrag, der ihrer ärgsten Not Abhilfe verschaffen konnte. Wenn Sie also eine verschlafene Pfarrerin vor sich haben, dann hat das Gleichnis von Jesus über den bittenden Freud Recht! Der bittende Freund oder der bittende Fremde wird bekommen, was er braucht. Ohne Umstände und Umschweife.

            Aber so einfach geht es selbst in Jesu Gleichnis nicht einher. Denn obwohl es sich um Freunde oder Nachbarn handelt, die beieinander anklopfen, rechnet der Erzähler doch mit Widerstand. Aus dem Schlaf um Mitternacht lässt sich auch ein guter Freund nicht gerne holen, denn er ahnt, dass es mit dem Weiterschlafen dann schwer werden könnte. Selbstverständlich ist es anders, wenn sich ein Familienangehöriger oder ein naher Freund in Not und Gefahr befindet. Dann ist man sofort bereit, etwas zu tun und vergisst, um welche Tages- oder Nachtzeit es sich handelt. Aber es ist ja nicht der eigene Freund, der da plötzlich vor der Tür steht, sondern der Freund des Freundes. Da ist man schon ein wenig auf Distanz. Und dennoch: Jesus lässt die plausible Situation für sich selbst sprechen. Auch wenn der betroffene Freund des Freundes an der Haustür ein wenig unwirsch reagiert, er ist nun einmal wach und hört auch schon, worum es sich handelt: Nur drei Brote will er!

            Nun gut, Brot, aber es dennoch eine sehr wertvolle Gabe in armen Gesellschaften und wenn es nun einmal fehlt, ist es auch nicht so leicht es wieder zu beschaffen wie heute. Denn vielleicht wird im Dorf nur alle zwei Wochen gebacken, wie in Lohne vor noch gar nicht so langer Zeit. Da steht ja noch das alte Backhaus, „Backs“ genannt, das von diesen alten Zeiten zeugt. Da machte die Hausfrau im Dorf nur alle zwei Wochen Teig und brachte es dann zum Backs, wenn er angeheizt wurde. Wenn die die Brote dann nicht reichten bis zum nächsten Backtermin, dann weiß ich auch nicht, wie es ging, dann musste improvisiert oder geliehen werden. Wenn wir uns nur dies schon klarmachen, dass eben früher nicht immer alles im Überfluss vorhanden war, dann ist die Bitte um Brot in Jesu Geschichte doch schon gewichtig zu nennen. 3 kleine Brote in Israel in jener Zeit sind nicht nichts, sondern der Appetit von 12 Erwachsenen nach einem langen Tag. Aber selbst wenn der Freund und Nachbar keinerlei Neigung verspürt, der Bitte nachzukommen, er wird er sich doch erweichen lassen, so wie ich an der Haustür, denn er möchte doch wieder seine Ruhe haben, so sagt Jesus. Das unverschämte Drängen des Freundes Freund wird ihn dazu bringen.

            Wenn schon einfache Menschen (manchmal sogar aus Eigennutz) so barmherzig handeln, so erklärt Jesus selbst sein Gleichnis, um wie viel mehr sollte es nicht Gott tun, der wirklich barmherzig ist? Denn er ist ja nicht der Freund eines Freundes, nein er ist ja direkt mein Freund, besser noch mein Vater. Auch das hat uns ja Jesus nahe gebracht, in Gott einen Vater zu sehen beim Beten. So sprecht: Abba, Vater! so sagt er zu Beginn unseres Bibelabschnitts.

            Es scheint ganz leicht zu sein, das rechte Beten: Wir wenden uns an Gott als unseren Vater, wir tragen unsere Bitten vor. Wir drängen Gott, bitten ihn inständig, so wird er uns erhören! Aber ist es wirklich so einfach? Wir wissen doch alle, dass zwischen einer Bitte an Gott und dem weiterem Verlauf der Dinge nicht ein direkter Zusammenhang besteht. Der Schüler, der nicht gelernt hat, wird weder mit dem Buch unter dem Kopfkissen noch mit einem Bittgebet etwas erreichen können für seinen schulischen Erfolg. Obwohl: Wunder gibt es immer wieder…und manche Menschen haben sie sogar selbst in der Schule erlebt! Besser ist es natürlich, wenn der Schüler auch selbst gelernt hat und dann noch bittet, dann ist Gebetserhörung im Sinne des ‚Erfolgs’ seiner Bitte natürlich eher möglich, denn seine Tat und sein Bitten weisen in die gleiche Richtung. Warum sollte Gott  seinen Segen nicht dazu geben?

            Schwierig wird es immer dann, wenn jemand mit dem Gebet immer gute Erfahrungen gemacht hat und dann wie vor eine Mauer rennt in einer ihm besonders wichtigen Sache. Da hat es schon Enttäuschungen gegeben, die nicht wieder gut zu machen waren. Auch nicht von Gott. Wir kennen alle Menschen, die über jeden menschlichen Zweifel erhaben waren, beteten und baten und doch ihre Bitten nicht erhört fanden. Das ist schon sehr, sehr bitter. Und ist dann doch oft nicht das Ende ihres Glaubens- und Gebetslebens gewesen. Vor allen Dingen dann nicht, wenn sie noch in anderen Formen beten konnten, nämlich zum Beispiel mit der Klage! Wenn sie es schafften, Gott auch anzuklagen für das, was sie erleben mussten, dann konnte sich dadurch bei ihnen im Gefühl oft eine neue Nähe zu Gott einstellen. Ja, dann fanden sie vielleicht sogar später zum Dankgebet zurück, weil sie in dem, was ihnen widerfuhr, für sich – nur für sich – etwas Gutes entdecken konnten. Das ist nichts, was jemand anders ihnen hätte sagen oder aufzeigen können oder dürfen, das ist ihr persönliches Geheimnis, wie es sich zugetragen hat, wissen sie vielleicht selbst nicht, aber so war es. Im Hiobbuch in der Bibel findet man, wenn man den großen Bogen der Geschichte betrachtet, genau dies: Obwohl Hiob ganz zweifelnd und unleidlich wird durch die Schicksalsschläge, die ihn betreffen, plädiert er an und gegen Gott, bis dieser sich ihm wieder zuwendet! Wegen seines unverschämten Drängens also…!

            Wenn wir das Gebetbuch in der Stillen Ecke in unserer Bad Sassendorfer Kirche durchblättern, werden wir die Hauptformen des Gebets darin entdecken können: Überschwänglichen Dank für geschenkte Genesung oder Glück aber auch die intensive Bitte für dieselbe, solange die Krankheit noch nicht ausgestanden ist. Doch auch die Klage kommt darin vor, warum Gott (noch) nicht erhörte, um was gebeten wurde. Alle Menschen, die sich dort eintragen und an Gott wenden, beten und es ist sehr rührend einmal dort herein zu lesen. Es ist ja öffentliches Beten! Jeder und jede kann dort beten lernen! Manchem Menschen fällt es schwer, sich zu öffnen und um das für ihn Lebensnotwendige zu bitten. Auch Gott wollen sie nicht bitten, sie wollen alles alleine tun! Wenn diese Menschen an Grenzen stoßen, fehlt ihnen womöglich die Sprache fürs Bitten. Aber auch sie sollen wissen:  Gott ist ein liebender Vater, und er will jedem seiner Kinder, mir und Dir Gutes tun! Wenn Du nicht für Dich bitten kannst, dann bitte für andere, das fällt Dir bestimm leicht!

            „Gott ist nicht dafür Gott, dass er alle unsere Wünsche wahrmacht“, so sagte Dietrich Bonhoeffer einmal, sondern „er ist dafür Gott und zu loben, dass er seine Verheißungen hält.“ Seine Verheißungen heißen: Freiheit von Schuld und Tod! Wende Dich an Ihn, wirf Dich auf ihn und Dein Weg wird frei und leicht! Vielleicht muss man sich manchmal wirklich ganz und gar fallen und tragen lassen,  um Linderung oder Heilung zu erfahren. Das ist zwar schwer, wird aber dann leicht, wenn wir es geschehen lassen. Vielleicht kann man nichts mehr bitten oder sagen, schon gar nicht mehr unverschämt drängen und doch wird man aufgefangen und gerettet. Amen.

Bad Sassendorf, den 09.05.2021

Pfarrerin St. Pensing

Predigt für Sonntag Kantate, 2.05.2021

Predigt für Sonntag Kantate, 2.05.2021

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Amen

 

Liebe Gemeinde,

unser heutiger Predigttext steht im Lukasevangelium im 19. Kapitel:

Als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, da fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! Er aber antwortet und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.  (Lukas 19, 37 – 40)

 

Liebe Gemeinde,

„Wenn diese schweigen, dann werden die Steine schreien“. Jesus spricht mit diesem Satz für mich in Rätseln. Komisch, habe ich gedacht: Dann guck ich mich mal um: Also ging ich um unser Haus herum – viele Steine sah ich, aber keiner schrie. Danach ging ich die Straße entlang und in die Bad Sassendorfer Fußgängerzone. Wieder erblickte ich viele Steine – aber keiner schrie. Dann kam mir die rettende Idee: Jetzt gehe ich zum Bad Sassendorfer Kurpark! Auch dort traf ich auf viele Steine – viele neue, schöne, kreativ verbaut und eingesetzt – aber kein einziger schrie. Unverrichteter Dinge kehrte ich nach Haus zurück.

… die Steine werden schreien, sagt Jesus. Das klingt absurd. Aber, wenn man im Lukasevangelium ein kleines Stück weiterliest, wird deutlich, worauf Jesus abzielt. Jesus weint, weil er die Zerstörung Jerusalems und des Tempels voraussieht: „Sie werden dich, Jerusalem, dem Erdboden gleichmachen und keinen Stein auf dem anderen lassen“ (Lk 19,44). (Tatsächlich wurde Jerusalem 70 n.Chr. durch die Römer zerstört). Dies hat Jesus bereits jetzt bildlich vor Augen. Durch seinen prophetischen

Ausspruch „… die Steine werden schreien“ deutet Jesus an, was geschehen wird. Jesus sieht quasi vor sich, wie die Steine nach der Zerstörung der Stadt „schreien“ werden. Sie ächzen und wehklagen. Sie liegen da – kaputt und zerschlagen in 1000 kleine Steinbrocken. Stumm, aber dennoch wahrnehmbar, schreien sie – bildlich gesprochen – hinaus, wie Jerusalem den kommenden Frieden verpasst hat. Ein trauriges Bild, liebe Gemeinde, dass leider gerade heute zu vielen schrecklichen Ereignissen auf dieser Erde passt. Vielerorts, „schreien die Steine“!

 

Aber kehren wir zurück zu unserem heutigen Predigttext. Jesus zieht mit seinen Jüngern auf einem Esel reitend in Jerusalem ein. Und seine Jünger singen laut und fröhlich:

„Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Sie loben Gott aus vollem Herzen und mit allergrößter Freude jubeln sie über alles, was sie mit Jesus erlebt haben. Haben Sie es wahrgenommen, liebe Gemeinde? Die Jünger Jesu knüpfen mit ihrem Lobgesang an den Lobgesang der Engel in der Weihnachtsgeschichte an. Sie knüpfen an den Lobgesang der Engel in der Nacht, in der Jesus geboren wurde, an. Die Jünger lachen, singen und jubeln auf der Straße nach Jerusalem. Sie jubeln, weil ihr König im Namen Gottes auf dem Weg ist. Dieser König wird alles neu machen. Die Stimmen der Jünger vermischen sich mit dem Gesang der Engel. Dieser Gesang der Engel, die Gott damit Tag und Nacht preisen, ist immer da. Jederzeit für uns hörbar. Wenn manchmal auch nur ganz leise. Und während die Engel singen, werden jeden Tag Menschen gegen Corona geimpft. Während die Engel singen, da öffnet jemand sein Ohr und sein Herz für die Sorgen und Nöte seines Nächsten, die diesem wie ein Stein auf dem Herzen liegen, und hilft ihm. Während die Engel singen, da beten Menschen zu Gott und danken ihm für all das Gute in ihrem Leben. Und während die Engel singen, stimmen wir im Gottesdienst mit in diesen Lobgesang ein, wenn wir z.B. singen: „Großer Gott wir loben dich; Ein feste Burg ist unser Gott; Wir wollen alle fröhlich sein in dieser Österlichen Zeit …“ Die Orgel, die extra zum Lobpreis Gottes gebaut wurde, unterstützt mit mächtigen, klagvollen Tönen unseren Gesang. Und genau dann verbinden sich unsere Stimmen mit den Stimmen der Engel. Jetzt wird aus den endlichen Worten und Tönen der Weltgeschichte und aus unseren endlichen Worten und Tönen unserer Lebensgeschichte ein unendlicher Lobpreis. Jenseits von Tag und Stunde. Es entsteht ein harmonischer Wohlklang. Gefühlt dem Himmel ganz nah.

 

Liebe Gemeinde,

aber so ist es ja oft nicht auf der Welt. So ist es oft nicht in unserer je eigenen Lebensgeschichte. Und so ist es auch nicht in unserem heutigen Predigttext.

Denn während die Engel/Jünger singen, wollen die Pharisäer den Jubelgesang nicht hören, weil er die Ordnung des Lebens durcheinanderbringt und die Frömmigkeit manches Zeitgenossen stören könnte.

Denn während die Engel singen, wollen wir ihren Lobgesang oft einfach nicht hören, weil uns ein Stein auf dem Herzen liegt, der zu schreien beginnt, weil wir traurig sind über manches in unserem Leben und keinen Grund zum Loben haben … weil wir betrübt sind über all das Böse, was auf dieser Welt geschieht … weil wir manchmal so verzweifelt sind, dass wir sogar denken, Gott habe uns verlassen …

Und während die Engel singen, vermischen sich mit diesem wohlklingenden Gesang viele Misstöne, weil die Steine, die auf unseren Herzen liegen, laut zu schreien beginnen. Während die Engel singen und die Steine schreien, ist unsere Existenz auf dieser Welt ein Leben zwischen dem harmonischen, wundervollen Einklang des Engelsgesangs und den Misstönen, die von uns ausgehen.

 

Aber dabei ist auch wichtig: Auch die Misstöne, die durch das Schreien der Steine, die auf unseren Herzen liegen, entstehen – auch diese Misstöne verbinden sich mit dem harmonischen Gesang der Engel und stören diesen Gesang. Genau deshalb hört Gott diese Misstöne ganz deutlich. Davon bin ich überzeugt.

Also lasst uns Gott bitten, dass er, wenn er all unsere Nöte und Sorgen gehört hat, uns zur Hilfe eilt. 

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.

 

Wir hoffen alle, dass wir bald wieder gemeinsam Gottesdienst feiern können.

Bleiben Sie gesund und behütet!

 

Mit lieben Grüßen

Ihre Pfarrerin Jutta Kröger

Predigt für Sonntag Jubilate, 25.04.2021

Predigt für Sonntag Jubilate, 25.04.2021

Sie nahmen ihn mit zum Areopag und wollten Näheres erfahren. „Uns interessiert deine neue Lehre“, sagten sie. „Manches klingt sehr fremdartig, und wir würden gerne genauer wissen, was es damit auf sich hat.“ Denn die Athener und die Fremden in Athen kennen keinen besseren Zeitvertreib, als stets das Allerneueste in Erfahrung zu bringen und es weiterzuerzählen. Paulus trat vor sie alle hin und sagte zu ihnen: „Männer von Athen! Ich habe wohl gemerkt, dass ihr die Götter hoch verehrt. Ich bin durch eure Stadt gegangen und habe mir eure heiligen Stätten angesehen. Dabei habe ich einen Altar entdeckt mit der Inschrift: „Für den unbekannten Gott.“ Diesen Gott, den ihr verehrt, ohne ihn zu kennen, will ich euch jetzt bekanntmachen…“ (Aus: Apostelgeschichte 17, 16-34)

 

Liebe Gemeinde,

nachdem Paulus schon einige Tage in der Stadt Athen gewesen war und in der Synagoge geredet hatte, dabei auch wohl einige einflussreiche Persönlichkeiten der Stadt schon kennengelernt und auf dem Markt wiedergetroffen hatte, fordern ihn einige auf, doch einmal länger und öffentlicher über seine ‚neue Religion‘ zu sprechen. Sie nahmen ihn mit zum Areopag, dem Platz, auf dem auch Recht gesprochen worden war. Paulus hatte sich auf diesen Termin vorbereitet. Sollte keiner sagen, dass er seine Chance zur Mission nicht sorgsam wahrgenommen habe. Denn hier und heute sollte es einmal wirklich um die Griechen gehen, das Mutterland der hohen Philosophie. Aber was war aus diesem stolzen Athen nur geworden? Es war eine Kleinstadt, die noch viel auf sich hielt, aber an Rang schon längst von den lebendigen Küstenstädten wie Korinth abgelöst worden war. Und die Weltpolitik spielte schon längst ganz woanders. Griechenland war so abhängig wie Palästina von den Entscheidungen, die der jeweilige Kaiser in Rom traf. Aber es war eine Stadt mit großer Tradition, und vielleicht könnte für Athen gelten, was heute ungefähr so klingt: „If i can make it here, i can make it everywhere!“ So hatte Paulus die Stadt und ihre Bewohner schon ein wenig studieren dürfen, bevor er seine große Rede hielt. Die Athener waren offen, weltoffen, offen für allerlei Religionen. Es gab Altäre an jeder Ecke, Statuen, Statuetten, Tempel. Man merkte gleich: Sie nahmen die Religion und Weltanschaulichkeit jedes einzelnen Menschen sehr ernst. So ernst, dass sie sogar einen Altar errichtet hatten, der ‚für alle Fälle‘ da war: „Dem unbekannten Gott.“ Das war die Steilvorlage für Paulus: „Ihr Leute von Athen! Ich habe wohl gemerkt, dass ihr die Götter hoch verehrt…“ Und dann versucht er, den Menschen, die alle Götter gleich gelten lassen wollen, von dem e i n e n Gott zu erzählen. Dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und…Jesu Christi. Paulus macht seine Sache nicht schlecht, er knüpft bei einem Philosophen an, den sie kennen müssten, und sagt, „er ist jedem von uns nahe; denn durch ihn leben, handeln und sind wir. Oder wie es eure Dichter ausgedrückt haben: Auch wir sind göttlicher Abkunft.“ (V. 28) So weit so gut, aber dann kann Paulus nicht anders und übt Götzenkritik. „Wenn das so ist, dann dürfen wir nicht dem Irrtum verfallen und meinen, die Gottheit gleiche den Bildern aus Gold, Silber und Stein, die von menschlicher Kunstfertigkeit geschaffen wurde.“ Und als sei das noch nicht genug, dass er ihre so differenzierte plastische Religiosität mitten ins Mark kritisiert, redet er jetzt auch noch weiter von dem Tag des Gerichts, den der e i n e Gott schon festgesetzt hat.

            Ich denke, da schon waren die meisten seiner Zuhörer ‚raus‘ und kamen nicht mehr mit. Sicher, man muss sich absichern gegen übellaunige Götter, man kann sie sich zunutze machen auf seinem Wege zum Glück, aber dass nun einer von ihnen, sogar der unbekannteste, das höchste Recht einfordern sollte, über alle Menschen zu richten, können die Athener nicht stehen lassen. Und als Paulus dann noch konkret werden will und über den einen Menschen sprechen will, in dem sich das Schicksal aller erfüllt hat, in Kreuz und Auferstehung, da haben die meisten genug. Paulus wird höflichst zum Ende seiner Rede gebracht: „Darüber musst du uns das nächste Mal mehr erzählen.“ (V. 32) Den Volkszorn bekommt er nicht zu spüren, das geht noch einmal glimpflich aus. Denn wer die Menschen auf ihrem Weg zum Glück so klar kritisiert wie Paulus, begibt sich in Gefahr. Wir wissen es doch: Des Menschen eigner Wille ist sein Himmelreich…

            Die Stadt Athen damals und die moderne Welt verbindet viel. Es ist nicht die Vielfalt der Kulte, nein, es ist eher die unendliche Freiheit, die zur Beliebigkeit tendiert, mit der man Dinge und Lebensstile wählen kann. Früher war die Welt klein: Das Dorf, aus dem ich stamme heißt Ober- oder Unter-xy-heim. Sicher war das eine Dorf evangelisch und das andere katholisch. Da war von vornherein klar, wo man sich nach Braut oder Bräutigam umsehen durfte. Und wenn der Vater Bauer war, wurde es normalerweise auch der Sohn, selbst wenn er nicht der Hoferbe war. Die Töchter…, die heirateten („sowieso“). Heute ist alles anders, alles möglich, man kann Haarfarbe, Namen, Konfession oder Religion ändern, ja sogar das Geschlecht. Alles ist möglich, Hauptsache: gesund und glücklich! Hauptsache frei! Freiheit wäre sich ein besserer Anknüpfungspunkt gewesen, um mit den Athenern zu reden. Denn die Freiheit eines Christenmenschen hätte vielleicht auch die Athener überzeugen können, ihren Hamsterrädern von Götterkonkurrenzen entkommen zu können. Aber vielleicht war das ganze Konzept, mit dem Paulus auf die Athener zuging, auch zweifelhaft. Ein Anknüpfungspunkt führt nicht weit, wenn man im Zentrum der Lehre derart weit auseinander liegt: Der e i n e Gott und die vielen Götterstatuen stehen einfach gegeneinander! Paulus will zwei Schritte in einem machen: Den Athenern den Monotheismus nahe bringen und die Erfüllung des Gesetzes gleichzeitig in Jesus Christus verankern. Das alles ohne seinen Namen zu nennen und seine Geschichte wirklich zu erzählen. Und selbst dann wäre die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel noch voraus zu setzen! Aber dennoch, überall in der griechisch-römischen Welt gab es Menschen, die waren fasziniert vom Monotheismus. Wer sich schon in der Nähe der Synagogengemeinde aufgehalten hatte, der entdeckte in der Lehre von Jesus Christus vielleicht etwas, was ihn ansprach: Einen Weg, Gottvater zu verehren und einen neuen Weg, indem man Jesus Christus nachfolgen konnte. Aber ohne des Gesetzes Werke.

            Und trotz des offensichtlichen Scheiterns seiner Rede wurden mindestens zwei Menschen, Dionyisus  und Damaris, überzeugt. Sie wurden Christen. Ich weiß nicht, ob uns trösten kann, dass der Weltapostel Paulus trotz guter Vorbereitung mit seiner Predigt scheitert und dennoch Anhänger gewinnt? Nun, es wird uns nicht vertrösten dürfen, denn unsere Aufgabe im 21. Jahrhundert in der Kirche ist ähnlich schwierig wie die Redesituation auf dem Areopag. Aber eines sollten wir aus dieser Situation gelernt haben: Es geht nicht ohne die Erzählung der heilsamen Geschichte Gottes mit den Menschen und es geht nicht ohne die Geschichte Jesu und seinen Namen, der heilsam wirkt: „‚Der Stein, den die Bauleute – das seid ihr! – als unbrauchbar weggeworfen haben, ist zum tragenden Stein geworden.’ Jesus Christus und sonst keiner kann die Rettung bringen.“ (Apg 4,11b.12) Diese Herausforderung annehmen und Gelegenheiten suchen, – mitten im Getriebe der Welt – von Jesus zu erzählen und von dem Glauben an Gott, der sich damals veränderte und am Karfreitag und Ostermorgen entschied, das werden wir als christliche Gemeinde weiter tun. In aller Treue. Zu Wasser, zu Lande, durch Post und elektronische Post. So, wie es Petrus und Paulus taten: in Erfolg und Misserfolg, in Hoffnung und Zweifel. Im Leben wie im Sterben. Heute und morgen. Gott helfe uns dazu! Amen.

Bad Sassendorf, den 25.04.2021                  Pfarrerin Stefanie Pensing

PREDIGT ZUM SONNTAG MISERICORDIAS DOMINI

PREDIGT ZUM SONNTAG MISERICORDIAS DOMINI, 18. APRIL 2021

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

18. April 2039

Mein liebes Kind,

nun bist du volljährig, 18 Jahre alt. Erwachsen mit dem heutigen Tag. Bereit, das Leben zu entdecken, hinaus zu ziehen, deinen Weg zu finden. Unabhängig, auf deinen eigenen Füßen stehend, gehend, laufend und – ja auch das – stolpernd, fallend, aufstehend. Von letzterem hoffentlich nicht so viel, als dass die blauen Flecken, Schrammen und Macken nicht wieder von allein verschwinden würden…

Ich muss dich gehen lassen. 18 Jahre hatte ich Zeit mich darauf vorzubereiten. Die Zeit ist viel zu schnell umgegangen. Ist man jemals darauf vorbereitet, das Kind ziehen zu lassen?

Bevor du gehst, musst du aber noch einmal hindurch durch unser Geburtstagsritual. Ja, ich weiß, du verdrehst die Augen, lächelst leise spöttisch, so, wie nur du es kannst, sagst in den mit Kaffee-, Kuchen- und Kerzenduft erfüllten Raum dein obligatorisches Geburtstags: „Oh, nein, nicht schon wieder…!“ Doch wie alle anderen Gäste wissen du und ich: Sie gehört dazu, zu deinem Geburtstag. Ich erzähle die dir, seit du auf der Welt bist. Jedes Jahr wieder hole ich den Schatz kostbarer Erinnerungen aus meinem Seelenschatzkästchen und mitten unter Familienworten, Herzensbildern und Lebensspuren finde ich sie, die kostbare, mit der alles anfing: die Geschichte deiner Geburt.

Auch heute Abend wirst du sie wieder gehört haben – ich lasse auch deinen 18. Geburtstag nicht aus – komme, was oder wer wolle. Da musst du durch. Und doch, ich weiß, die Zeit ist nahe, in der du und ich wissen: es wird Geburtstage geben, an denen du nicht morgens schlaftrunken dich unter dem Gesang derer, die dich lieben, am Frühstückstisch niederlässt und den Raum von oben bis unten mit dem dir eigenen Geburstagsglitzer schmückst. Bald werden andere für dich singen, dir Kuchen backen und Kaffee kochen. Und du und ich – wir werden miteinander telefonieren. Ob dann viel Zeit bleibt für die Geschichte deiner Geburt? Hoffentlich nicht – schließlich sollst du Champagner trinken und durch den Tag tanzen. Mein frommer Wunsch für dich aber ist, dass du dir einen Moment Zeit nimmst – ich denke, acht Minuten sollten reichen -, um zu lesen, wovon ich dir an allen anderen Geburtstagen erzählt habe:

Von der Geschichte deiner Geburt.

 

Gehen wir zurück, die von dir gelebten 18 Jahre. Gehen wir zurück zum 18. April 2021. Das war ein Sonntag. Ein Sonntag im Frühling. Doch dieser Frühling war – ich weiß, dass du das weißt , ich beginne die Geschichte deiner Geburt immer gleich– außerordentlich kalt. Zumindest kam es mir so vor.

Gefroren habe ich an allen Körperteilen, die sich um meinen dicken Bauch herum platzieren. Nur die Körpermitte war warm. Da warst du. Du hast mich gewärmt.

Der 18. April 2021 fiel in eine schwere Zeit. Dass es so lange kalt war, habe ich nicht nur als Ausdruck eines sich verändernden Klimas verstanden, sondern auch als Ausdruck des damals vorherrschenden gesellschaftlichen Klimas. Es schien mir, als würden die Menschen frieren.

Du weißt ja – wir beiden haben es oft genug beobachtet: Menschen, die frieren, die ziehen die Schultern hoch, atmen nicht ordentlich ein und aus, huschen durch die Stadt, blicken zu Boden. Sehen zerknirscht aus, müde, unfroh.

Wir lebten damals inmitten einer Pandemie, auch das ist dir bekannt. Ich höre dich sagen: „Ja, ja, Corona!“, während du unbekümmert in ein großes Stück Kuchen beißt. „Ja, ja, Corona!“ – Damals hätte ich viel dafür gegeben, mit dieser Gelassenheit: „Ja, ja, Corona!“ sagen zu können. Gelassenheit war nichts, was damals zu spüren gewesen wäre. (Ich glaube übrigens, dass frierende Menschen wenig gelassen sein können.)

Du wurdest hinein geboren in eine Welt, die alles andere als gelassen, friedlich, warm und blühend war wie es doch hätte sein können im Frühling. Nein, die Welt, in die du hinein geboren wurdest, die war in großer Sorge. Das Leben war auf vielfache Weise bedroht: nicht nur durch die Pandemie, sondern auch durch den Klimawandel, durch entsetzliche Kriege, durch gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, durch frierende, ungeduldige, müde, unzufriedene Menschen. Mir ging es dabei noch gut, damals – das will ich nicht verschweigen und dafür bin ich dankbar. Ich hatte ein Einkommen, ich lebte in guten Zusammenhängen, hatte Menschen um mich herum. Und doch bin ich nicht gerne raus gegangen aus dem Haus und das lag nicht nur an den schweren, dicken Beinen. Das lag vor allem an den Sorgen, die überall zu spüren waren. Oft habe ich mir vorgestellt, welche Not wohl zu sehen wäre, wenn die Fassaden der Häuser fallen würden. Ich glaube, dass es dann überall auf der Welt kalt geworden wäre.

Wir haben damals einfach jeden Tag weitergemacht, doch die Kälte und die Sorge und Not schwelten im Untergrund. Wir haben uns – oft sehr unwillig - gefügt in das, was notwendig war, um Menschenleben nicht zu gefährden. Haben viel in Kauf genommen. Doch es war schwer. Es gab so wenig Perspektive. So wenig Hoffnung darauf, dass das Leben wieder lebenswert würde. Die Impfungen und Testungen – ja, das nahm damals Fahrt auf – Gott sei Dank! Doch darum herum war die Situation in unserem gut durchstrukturierten und organisierten Deutschland doch ziemlich chaotisch. Das Land steckte damals im Wahlkampf – viele meinen, dass es daran lag, dass die Ministerpräsidenten und die Regierung keine gemeinsame Strategie finden konnten, die richtungsweisend uns nach vorne geführt hätte, hinaus aus dem grauen, kalten Winter, hinein in das anbrechende Licht des Frühlings. Ob das so war, weiß ich nicht. Fest steht, dass das Leben anstrengend und zermürbend war.

Aber ich verliere mich schon wieder, so wie ich es jedes Jahr tue, an dieser Stelle. Und wie jedes Jahr wirst du mir sagen, ich solle doch nicht alles so düster malen. Und wie jedes Jahr werde ich dir recht geben, denn immerhin wusste ich um dich. Und ich wusste darum, dass mein Leben nach vorne gehen würde, dass in meinem Leben das Leben neu anbrechen würde. Alles mit dem Tag deiner Geburt.

Und wie jedes Jahr werde ich dir auch heute sagen, dass ich damals einfach Angst hatte. Angst davor, dich nicht beschützen zu können – vor dem Leben, das sich in jenen Tagen deiner Geburt so kalt und sorgenreich und ungewiss und hoffnungslos präsentierte. Ja, ich hatte Angst. Es war einfach nicht die richtige Zeit - für die Geburt meiner Kinder, so hatte ich es mir gedacht - sollte sich das Leben doch von seiner schönsten Seite zeigen: warm, sanft, lebendig, farbenfroh, blütenrein.

Ich hatte Angst und sehnte mich nach jemanden, der mir versprechen würde, dass es genauso werden würde. Weil er genau dieses warme, sanfte, lebendige, farbenfrohe, blütenreine Geburtstagsleben für dich vorgesehen habe. Weil er es so für dich erschaffen habe. Ich sehnte mich nach jemanden, der mich an die Hand nehmen, mich auf die Ebene sanfter, grüner Cornwallhügel führen und mich einfach sehen lassen würde: grüne Auen, frisches Wasser, gedeckte Tische, sorgenfreie Geborgenheit. Ich sehnte mich für dich danach. Ich sehnte mich für mich danach. Ich sehnte mich danach für dich Menschen, die ich liebe. Für die, die mir anvertraut waren. Für die, die es bitter nötig hatten. Für die, die keine Seelenbilder mehr in sich tragen und keine Herzensbilder mehr malen konnten.

In deinen skeptischen Jahren, mein Kind, hast du mich oft spöttisch gefragt, was das denn bringen solle, Seelenbilder in sich zu tragen und Hoffnungsbilder zu malen. Seelenbilder bieten schließlich keinen Schutz vor Viren und Herzensbilder lassen die Welt nicht wärmer werden. Wie immer hast du recht, du hast schließlich einen unbezwingbaren, messerscharfen Verstand. Und zugleich, aber auch das weißt du und du nimmst es mir nicht (mehr) übel – hast du unrecht. Jedes Bild von einer warmen, sanften, lebendigen, farbenfrohen und blütenreinen Welt führt uns aus dem Herzen und aus der Seele vor Augen, wie die Welt sein könnte. Und wenn wir wissen, wie sie sein könnte und wenn uns dabei ganz warm ums Herz wird, dann, da bin ich gewiss, sind wir Menschen auch bereit, uns auf diese Welt zuzubewegen. Und nicht nur zuzubewegen – nein, wir sind auch bereit und geradezu sehnsüchtig danach, dass die Welt, in der wir leben, die Welt werden möge, die uns aus unseren Herzens- und Seelenbildern entgegen leuchtet. Das ist Hoffnung. Und diese Hoffnung macht uns stark. Und mutig. Geradezu wagemutig. Hoffnung bewegt uns. Daran musst du immer denken. Hoffnung ist ein kostbares Gut. 

Aber sie kann sich auch erschöpfen. Dann fängt die Seele an zu frieren, wie sie es in jenen Tagen vor deiner Geburt tat. Ich habe gefroren. Und ich hatte Angst, das weißt du. Auch an dem Tag deiner Geburt. Vielleicht bin ich deshalb in die Kirche gegangen? Gut möglich. Sehr gut möglich sogar. Kirchen waren und sind von jeher ein besonderer Ort für mich (Ich weiß, das musstest du leidlich spüren, als du in jeder Urlaubsreise in irgendwelche Kirchen geschleppt wurdest…). Ich saß an jenem Sonntagmorgen in der Kirche und habe die Worte des Psalms gelesen, der für diesen Sonntag vorgesehen war: Den 23. Psalm.

Ich kannte den Psalm. Ich glaube, fast jeder Christ, fast jede Christin kennt ihn. Auswendig mussten wir ihn lernen während des Konfirmandenunterrichts und aufsagen während der Konfirmation. Ich hatte ihn seitdem tatsächlich auch immer wieder gelesen oder gehört, erinnerte mich daran, wenn ich auf dem Flohmarkt riesige goldumrahmte Bilder mit schönen Hirten und noch schöneren Schafen fand.

Richtig, in der Tiefe meiner Seele berührt hat mich der Psalm aber erst an jenem Tag, an dessen Abend du geboren werden solltest. Ich saß an diesen kalten Morgen Mitte April in der Kirche, las die jahrtausendealten Worte und mein Herz begann, Bilder zu malen, die die Seele zu erwärmen vermochten: Bilder von einer grünen, weiten gesunden Welt, in deren Sonnenlicht sich Menschen aus aller Herren Länder an den gedeckten Tisch setzen, um miteinander zu feiern: Alte, Junge, Männer, Frauen, vor allem Kinder. Bilder von gesalbten Häuptern – hier war jede Königin, jeder König, der am Tisch des Herrn Platz nahm (dein Haupt sah besonders schön aus). Bilder von dunklen Tälern, durch die ich nicht alleine wandern musste, sondern in denen ich dich und mich dem Schutz und Schild des Hirten anvertrauen durfte. Bilder vom frischen Wasser, in dem du bedenkenlos baden konntest. Bilder von einer warmen, sanften, lebendigen, farbenfrohen und blütenreinen Welt – für dich, für mich, für die Menschen dieser Welt.

Ich habe lange an diesen Bildern herumgemalt mit meinem Herzen. Habe sie zu verinnerlichen versucht mit meiner Seele, damit sie mir zu „Schutz und Schild würden vor allem Bösen“. Denn genau das habe ich in jenem Moment in der Kirche begriffen: Der Mensch tut gut daran, Bilder zu haben in sich zu tragen, die ihn vor der Macht des Bösen schützen, vor dem die menschliche Seele nicht gefeit ist, was auch immer wir behaupten (denk an Petrus). Die Kälte der Bosheit ist durchtrieben. Sie drückt deinen Blick zu Boden.

Du aber, mein Kind, sollst in die Weite gucken, nach vorne, dorthin, wo das Leben ist. Denn das Leben ist es, was Gott für uns geschaffen hat. An Ostern, das gerade mal zwei Wochen zurück liegt, hat er es bewiesen. Einmal mehr. Auch 2021.

„Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar!“ – Das ist mir, wie du weißt, zu einem Mantra geworden, um mich mal eines buddhistischen Wortes in aller ökumenischen Weite zu bedienen. Oft habe ich es mir vorgesagt, gebetsmühlenartig (um zum Christlichen zurück zu kehren), wenn mir das Leben zu schwer und die Seele zu kalt wurde. „Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar!“ – Das bedeutet mir, dass ich daran festhalte, dass die Welt eine liebevolle, warme, hoffnungsgrüne sein kann, an der die Menschen getrost und geliebt von Gott an seiner Tafel Platz nehmen, miteinander essen, trinken, lachen, das Leben genießen.

Der Mensch braucht diese Bilder in sich. Auch du, mein Kind.

Am Ende des Tages bist du auf die Welt gekommen, das weiß du selbst am besten. Neues, warmes, hoffnungsvolles (zum Glück nicht hoffnungs-grünes) Leben. Mensch gewordene Liebe Gottes zum Leben. Seitdem ist der Psalm 23 mein Psalm für dich. An jedem deiner Geburtstage, früh morgens, wenn ich an deinem Bett stehe, spreche ich ihn für dich. Leise - du würdest nicht wollen, dass ich dich damit wecke. Aber heute sollst du es wissen. Der Psalm 23 ist Hoffnung. Die lassen wir uns nicht nehmen. Ich nicht. Und du nicht. Weder heute noch an den Tagen, die kommen. Das musst du mir versprechen.

Und nun leg dich wieder hin. Oder feiere weiter. Tanz. Trink einen guten Schluck – Bier, Wein, Champagner, meinetwegen auch Eierlikör. Genieß einen warmen, sanften, lebendigen, farbenfrohen und blütenreinen Tag. Und tue alles dafür, dass das Leben dieser Welt eines Tages so sein wird. Dass es so sein kann, dafür hat jemand anderer gesorgt: Gott, der dir, der mir, der uns das Leben geschenkt hat, damit wir das Beste draus machen.

In diesem Sinne: Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen!

Amen.

Pfarrerin Leona Holler

Predigt zu Quasimodogeniti, 11.04.2021

Predigt zu Quasimodogeniti, 11.04.2021

Text : Joh 20, 19 - 29   (Thomas)

 

Liebe Leserin, lieber Leser !

Der Name unseres Sonntags Quasimodogeniti bedeutet "wie die neugeborenen Kinder." Das Motto stammt aus einem Vers des 1. Petrusbriefes (2, 2). Wie die neugeborenen Kinder nach der Milch trachten sollen die Christen nach Lauterkeit etc. streben. Sie sollen alles Falsche ablegen. Sie sollen wie neugeboren sein, ohne irgendetwas Belastendes. Das Alte soll vergangen sein, das Neue soll werden.

 

Das Osterfest ist vorbei, das Kirchenjahr geht weiter. Die Ferien sind zu Ende, das Virus ist noch da. Wird Schule wieder nur online sein? Wie wird es werden, jetzt nach dem zweiten Osterfest unter Bedingungen der Pandemie? Ich selber spüre so langsam auch eine gewisse Verunsicherung, wie ich die ganze Lage beurteilen möchte.

Aber wie sieht es denn wirklich mit der Erneuerung aus Ostern aus? Wo ist sie? Es ist doch (leider) alles beim Alten geblieben. Eher ist es noch schlimmer geworden - es reicht ganz vielen Menschen - Das Leben hat so viel von der Freude verloren.

Große Erlebnisse, wie sie von den Emmausjüngern berichtet worden, sind uns nicht vergönnt. Wir leben in der Zeit fast 2000 Jahre nach dem 1. Ostern. Ich frage mich, wie es Menschen so kurz nach Ostern des Jahres um 33 n. Chr. erging.

Von den Emmausjüngern haben wir ja schon oft gehört. Die Begegnung mit dem Fremden, dem Auferstandenen, blieb nicht ohne Folgen. Diese Menschen sind verändert worden, sie waren aus ihrem Trübsinn herausgerissen worden.

Allerdings ging das nicht bei allen so schnell. Heute steht einer im Mittelpunkt, der seine Probleme  mit der Botschaft von der Auferstehung hat, Thomas.

Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Da sagten die anderen Jünger zu ihm: "Wir haben den Herrn gesehen". Er aber sprach zu ihnen : "Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich's nicht glauben."

Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus , als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht "Friede sei mit euch."

Danach spricht er zu Thomas:"Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortet und sprach zu ihm: "Mein Herr und mein Gott!" Spricht Jesus zu ihm:"Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! "

 

Wie soll man Thomas bezeichnen? Bekannt ist er ja als der ungläubige Thomas. Aber damit wird  Unrecht getan: Er glaubte letztendlich doch! Nur verlässt er sich nicht auf die Erzählungen der anderen Jünger. (Fake news?) Nur wenn er mit seinen eigenen Augen gesehen hat, wenn er den Auferstanden berührt hat, will er glauben. (Faktencheck!)

Der Mann hat recht. Schließlich will er nur das haben, was die anderen Jünger auch schon erhalten haben. Die anderen haben Jesus gesehen - nur er nicht. Die anderen glaubten auch erst nach dem sie Jesus gesehen hatten! Warum sollte Thomas nur auf ihr Wort hören! Konnte man in den Zeiten des großen Durcheinanders irgendjemandem trauen? Also lieber vorsichtig sein und nicht jedem Bericht vertrauen. (Das kommt irgendwie bekannt vor ...)

Wir tun Thomas unrecht, wenn wir ihn den Ungläubigen nennen! Sicher, Jesus sagt ihm, dass es besser ist zu glauben ohne zu sehen. Aber das ist kein Vorwurf an Thomas, sondern eine Ankündigung für die Menschen, die weit nach Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten leben, und die nicht die Chance haben, Jesus zu sehen. Die Jünger und auch Thomas hatten das Glück in der Zeit Jesu zu leben. Aber mal ganz ehrlich: wer von uns wollte schon in der Zeit gelebt haben?

Thomas hatte also allen Grund einen leibhaftigen Beweis der Auferstehung zu verlangen. Er stand ihm einfach zu.

Wer aber war dieser Thomas, den wir leichthin den Ungläubigen nennen?

Viel von Thomas steht nicht in der Bibel. Im Calwer Bibellexikon finde ich auf der Sp. 1339 "THOMAS vom Aramäischen her gedeutet "Zwilling" war der Name eines in allen Listen der Apostel  genannten  Jüngers  Jesu  Mt 10,3; Mk 3,18; Lk 6,15; Apg 1,13. Das vierte Evangelium zeigt das Ringen des T. um den Glauben an Jesus Jo 11,16; 14,5; 20,24.25  bis die Begegnung mit dem Auferstandenen ihm die Gewissheit des Glaubens gewährt Jo 20,26-28.

Die späteren Lebensschicksale sind legendär überliefert; die "Thomaschristen" führen den Ursprung ihrer Kirche auf eine Missionstätigkeit des Thomas in Indien zurück."

Das ist es auch schon alles, was im Bibellexikon über Thomas zu finden ist. Thomas gehört also zu den Jüngern, die nicht besonders auffielen. Kein vorlauter Petrus, kein verräterischer Judas, kein Herrenbruder Jakobus. Thomas war nur ein kleines Licht. Da er aber so wenig erwähnt wird nennt das Lexikon immerhin die Bibelstellen an denen das so ist.

Die Stellen bei Mk, Mt, Lk und Apg zählen Thomas neben anderen Jüngern auf. Das sind die Apostellisten.

Die beiden Stellen im Johannes-Evangelium zeigen Thomas von einer nachdenklichen Seite (Joh 11,16):"Da sprach Thomas der Zwilling genannt wird, zu den Jüngern: Lasst uns mit ihm gehen, dass wir mit ihm sterben."

(Joh 14,5f) "Spricht Thomas zu ihm: Herr, wir wissen nicht wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?

Jesus spricht zu ihm Ich bin der Weg die Wahrheit und das Leben» niemand kommt zum Vater denn durch mich."

So ist Thomas. Er fragt, wenn er etwas nicht versteht. Er ist neugierig, er möchte es genau wissen. Vielleicht hat dieses ihm schon komische Blicke von Seiten der anderen Jünger eingebracht. Was will der bloß?  Der fragt immer nach. Der blickt nicht durch. Der zweifelt ja. Der fragt dem Meister noch Löcher in den Bauch.

Vielleicht war auch ihnen die Rede ihres Meisters manchmal unverständlich, aber sie trauten sich nicht zu fragen. Thomas ist ein Frager. Aber ist Thomas ein Zweifler?

Die Auferstehung konnte er nicht verstehen, wie sie niemand verstanden hatte.

Die Jünger erzählen, dass Jesus bei ihnen war und ausgerechnet da fehlte Thomas. Sie erzählten, wie sie seine Wunden gesehen hätten, wie er sie gegrüßt und gesendet hatte.

So sehr Thomas den Wunsch verspürt, dass Jesus leben möchte, so wenig schenkt er den Worten Glauben. "Solange ich ihn nicht selbst gesehen haben, solange glaube ich nicht, dass er lebt." Es sollte noch 8 Tage dauern, bis die Ungewissheit beseitigt sein wird. Eine Woche des Grüblers und Überlegens muss noch vergehen. Nach einer Woche ist der Zweifel weggefegt. Thomas sieht den Herrn "Mein Herr und mein Gott" bekennt er. Da ist keine Spur des Unglaubens, da ist tiefer Glaube. Thomas war wohl der letzte, der IHN von Angesicht zu Angesicht gesehen hat.  Alle, die nachher kommen, müssen glauben, ohne dass sie sehen.

Das gilt für uns!!! Wir sind jetzt die, die glauben, ohne zu sehen. Wir sind eine Gemeinde von Glaubenden und Zweifelnden. Wir sind eine Gemeinde aus Petrus und Thomas und Judas und anderen.

Wir haben nicht die Möglichkeit auf die Erscheinung des Auferstandenen zu warten. Wir kennen  den gekreuzigten Christus, der steht uns in vielen Kirchen vor Augen. Daher  bleibt eine Spannung zwischen Kreuzigung und Auferstehung. Eigentlich müsste das Kreuz ja leer sein!! Wir verkündigen das Wort von der Auferstehung, haben aber oft den gekreuzigten vor Augen.

Wir müssen glauben ohne zu sehen. Wir müssen auf das Wort vertrauen, dass uns immer wieder überliefert worden ist. Wir stützen uns auf das Wort, auf das sich letztlich unsere Kirche gründet "Christ ist erstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!"

Was können wir nun aber von dem fragenden, zweifelnden und glaubenden Thomas lernen?

Vielleicht zunächst dieses, dass es auch bei uns offene Fragen gibt die uns noch nicht beantwortet worden sind. Fragen die wir stellen dürfen und müssen. Da gibt es Millionen von Christen auf der Welt, die einen Gott haben - und doch bekämpfen sie sich.

Da gibt es die Botschaft des Friedens und der Freiheit in der Bibel und dieses wird mit Krieg verbreitet.

Wieso gibt es Leid auf der Welt? Wieso kann unser Gott der ein Gott der Liebe ist so viel Ungerechtigkeit Leid und Tod zulassen? Wieso tut er nichts, dass die Menschen sich ändern?

Und warum dürfen die Christen der christlichen Kirchen, nicht gemeinsam das Abendmahl feiern? Vertritt der „Stellvertreter“ wirklich die Meinung seines Herren?

Wie kann ich Gewissheit bekommen, dass ich nicht einer großen Enttäuschung aufsitze? Wie kann erfahren, dass er wirklich lebt?

Wie können Christen mit der Globalisierung, der Arbeitslosigkeit, der schreienden Ungerechtigkeit umgehen?

Warum ist dieses Virus so stark geworden? Es gibt Menschen, die darin eine Strafe Gottes sehen. Und immer mehr zweifeln an den Entscheidungen der Regierungen, die oft Freiheiten ankündigen und doch Einschränkungen bringen und auch Existenzen gefährden.

 

Schnelle Antworten sind nicht so wichtig, vielmehr müssen wir lernen, diese Fragen zuzulassen, erlauben, dass sie gestellt werden. Schnelle Antworten sind nicht verlangt, sondern das Gespräch darüber. Zweifel gehört zum Glauben.

Zweifel wird erst dann schädlich, wenn uns verboten wird zu zweifeln. Zweifel kann doch erst dann ausgeräumt werden, wenn er geäußert wird. Mut zum Zweifel führt zum Mut zum Glauben. Zweifel ist nicht was den Glauben verhindert, sondern ihn fördert. Luther zweifelte an dem ungnädigen Gott und fand in langer Suche den gnädigen Gott.

Thomas zweifelte an dem Auferstandenen und erhielt schließlich die absolute Gewissheit, dass Jesus wirklich lebt. Durch den Zweifel zum Glauben.

Thomas der Zweifler, der Frager, zeigt uns einen Weg zum Glauben. Durch den Zweifel zur Gewissheit. Durch die Frage zur Antwort. Diesen Weg weist uns Thomas.

Christen ist auch nicht alles klar. Sie haben Fragen und Zweifel. Das kann sie sympathisch und mitmenschlich machen. Sie können aus ihrer eigenen Erfahrung auf Fragen eines zweifelnden Mitmenschen zugehen. Sie können ein offenes Ohr für ihre Mitmenschen haben.

Für Thomas entstand durch seine Zweifel etwas Neues. Für die Jünger und letztlich für uns wird Neues immer dann, wenn wir zusammen einen Gottesdienst feiern- und sei es digital, analog oder hybrid (wie das auch immer gehen mag).

Wir können alle unsere Zweifel und Fragen vor Gott bringen. Gott wird zwar nicht alles sofort klären, aber uns werden Schwestern und Brüder gezeigt, die uns in unsern Fragen ernst nehmen und mit uns eine Antwort suchen. Wir sind dann eine Gemeinschaft von Sicheren und Unsicheren, von Glaubenden und Zweifelnden. Aber alle sind zum Glauben eingeladen.

Vater im Himmel. du hast deinen Sohn auferweckt, um der Welt deinen Sieg über den Tod zu zeigen. Aber selbst denen, die nachfolgen wollen fällt der Glaube schwer. Gib du uns Schwestern und Brüder, die mit uns zweifeln und mit uns den Glauben finden. Amen.

 

Einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche wünscht

 

Pfarrer Dietmar Gröning-Niehaus

Predigt zum Ostersonntag 2021

Predigt zum Ostersonntag 2021

Johannes 20, 11-18 und Exodus 14-15

 

Liebe Gemeinde, 

wir sehen ein alltägliches Bild, eine Frau am Grab. Wie viele Frauen und Männer werden heute oder morgen an Ostern ans Grab ihrer verstorbenen Lieben treten und den frischen Grabschmuck neu ordnen? Eine neue Kerze aufs Grab stellen und einen bunten, österlichen Blumengruß auf die Erde legen? Viele Menschen werden es tun. Ein alltägliches Bild. Und ist das Grab noch jung, so werden viele von ihnen die Welt durch einen Schleier von Tränen wahrnehmen. Die Trauer wird ihre Augen ‚gehalten sein‘ lassen!

          So erging es auch Maria von Magdala am Tag nach der Grablege ihres Freundes und Lehrers Jesus von Nazareth. Der Johannesevangelist erzählt uns davon: Eine Frau wird aus Liebe an den Ort der Abschiednahme getrieben. Und es scheint so zu sein, wie für viele andere in diesen Tagen: Sie kann nicht Abschied nehmen, da der Leichnam nicht mehr da ist! Wohl gibt es kein Hindernis mehr, der Stein ist weggewälzt, aber der Leib ist nicht mehr da. Zwei andere, in weißen Gewändern sind dort. Und sie haben nur eine Frage: „Frau, was weinst Du?“ Als wäre es nicht das Natürlichste von der Welt, zu weinen, wenn man einen geliebten Menschen verloren hat. Nun hat sie noch den Ort verloren, das Grab verloren, sie hat gar nichts mehr! „Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“ (Joh 20, 13)

          Das ist der absolute Nullpunkt, die Leere, Ohnmacht die Begegnung mit der Sinnlosigkeit. Niemand wünscht sich, so einen Moment zu erleben. Aber es wird beinahe niemandem erspart im Laufe des Lebens… Warum ist sie dort nicht erstarrt und untröstlich geworden für ihr ganzes weiteres Leben? Warum sie sich wohl umwendet und die Lebenswende sieht, die auf sie wartet? Wer weiß es? Vielleicht spürt sie einen Impuls: Dort ist jemand, spricht jemand neu zu ihr, auch wenn er die gleichen Worte sagt: „Frau, was weinst du?“ „Frau, wen suchst Du?“ Sie meint, es ist der Gärtner und will Auskunft über den Verbleib des Toten. „Wenn Du ihn weggetragen hast, so sage mir doch, wo du ihn hingelegt hast?“

          Wer sich an die Rituale der Trauer gewöhnt hat, wird von ihnen nicht so schnell lassen können. Sie haben ja auch etwas Tröstliches. Für die Menschen früher waren es die Dinge, die sie für den Leichnam selbst tun konnten, wie waschen, salben, anziehen und aufbahren. Für uns Zeitgenossen verlagert sich dies mehr auf die Bestattungsfeierlichkeiten und die Gräberkultur. Und doch ist auch das schon wieder im Wandel begriffen, selbst ohne Corona und seine Auswirkungen mit zu bedenken. Wie gut für eine Trauernde/einen Trauernden, wenn sie oder er ihren Rhythmus gefunden haben: Wie oft gehe ich zum Grab, wie lange verweile ich… Da ist es nicht leicht zu hören, wenn ein anderes sagt: „Ach, Du gehst schon wieder zum Friedhof?“ Dann spürt man Druck und denkt, da soll ich also loslassen, noch einmal loslassen? Andere schaffen das doch auch? Warum nicht auch ich?

          Aber Maria kann nichts trösten außer die Begegnung mit dem Auferstandenen selbst. Und genau die wird ihr geschenkt. Den, den sie gerade noch für den Gärtner gehalten hat, mit von Tränen verschleierten Augen, der ruft sie mit Namen, so wie früher und doch ganz anders! „Maria“, sagt er nur, und daran erkennt sie ihn, an Blick und Stimme, am Namen, der ihr selbst gilt! Und ihre Antwort kommt frei: „Rabbuni“, das heißt „mein lieber Meister!“ Nun weiß, sie wo er ist: Hier und bei ihr, ganz in der Nähe, im Garten des Ostermorgens, lebendig. Zum Greifen nah!

          Und nichts täte sie lieber als ihn anzufassen, ihm in die Arme zu fallen, sich von ihm halten zu lassen, herumwirbeln zu lassen, aus Lebensfreude zu tanzen,  hier mitten auf dem Friedhof inmitten der Gräber! Ach wie schön wäre das?! Aber so, so soll es nicht sein. Das Erkennen und Getröstetwerden ist da, ja, er ist es, er lebt! –  aber sie kann ihn trotzdem nicht festhalten! Wir lernen daraus: Nicht alles im Leben ist Entwicklung, manchmal geht Geschichte, auch unsere Geschichte, in Sprüngen, wie es in dem Liedvers heißt:

 

„Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein,

ist voller Freud und Singen, sieht lauter Sonnenschein.

Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ;

das, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist.“ (EG 351,5)

 

Aus der Klage wird ein Reigen. Aus der Wolke bricht der helle Sonnenstrahl, aus der kalten Erde keimt neues Leben, aus dem tränenüberströmten Gesicht bricht sich ein Lächeln Bahn! So kann es sein, so wird es sein. So ist Ostern! „Jesus lebt, mit ihm auch ich!“ (EG 115), das ist die Erkenntnis, die Maria ereilt. Der Meister hat eine Botschaft für uns: „Ich lebe und ihr sollt auch leben!“ (Johannes 14,19) Das ist nicht die generöse Geste eines an Lebensgütern Reichen, der ein paar Brotkrumen fallen lässt für die minder bemittelten und und minder begüterten. Nein, das ist im Angesicht des leeren Grabes und der absoluten Ohnmacht die Erkenntnis, dass Neues und Gutes auf mich zukommt. Neues Leben und neue Lebensmöglichkeiten! Ob und wie ich sie ergreife, ist in die Verantwortung der Einzelnen gestellt! Maria von Magdala wurde bei der ersten Begegnung mit Jesus von Dämonen geheilt, daher rührt ihre Anhänglichkeit und Liebe zu ihrem Meister (Lukas 8,2). Aber hier am Grab nun könnte sie sich neu verloren gehen indem sie versinkt in den gebahnten Wegen tiefster untröstlicher Trauer. Auch sie kann nach einem Menschen greifen wie ein Dämon. Doch die Kraft der Auferstehung ist stärker! Sie macht Maria frei. Das erlösende Wort, ihr Name, der Anruf ihres Herrn – auferstanden und mitten im Leben – der wendet ihren Blick, ihren Körper und Geist in eine neue Richtung: In die Richtung der Brüder und Schwestern. Denn, da sie Zeugin seiner Auferstehung ist, soll sie diese gute Nachricht auch weitergeben. „Geh aber zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater zu meinem Gott und eurem Gott.“ (Joh 20, 17.f)

          „Jesus lebt! Mit ihm auch wir!“ (EG 115, 1) Das ist die Botschaft, die sie mitnimmt. Und damit sagt sie auch: Wir haben eine neue Zukunft! Er lebt, mit ihm auch wir! Wir haben noch so viel zu tun! Wir müssen von ihm erzählen, seine Geschichte und ihren Ausgang, wir müssen die Brüder und Schwestern sammeln und die Hoffnung wachhalten!

          Und genau das geschieht auch. Es ist die Geschichte von gebahnten Wegen der Trauer, die in eine neue Zukunft münden. In eine neue Freiheit. Verantwortete Freiheit, Neue Freiheit. Annette Kurschus, die Präses unserer Westfälischen Kirche, schrieb in Chrismon zu Ostern in unserer gegenwärtigen Situation: „Spätestens hier verstummt meine kleine Sehnsucht, es möge doch wieder werden wie früher. Das wird es nicht. Es tut weh, mir das einzugestehen. Es schmerzt eine ganze Gesellschaft, sich das klarzumachen. Aber es ist notwendig: aufmerksam, vorbehaltlos und mutig in den Blick zu nehmen, wie es anders weitergehen kann und soll und was nicht weitergehen darf wie bisher. (…) Christen in aller Welt feiern dieser Tage den Sieg des Lebens über den Tod. Womöglich verstehen wir dieses Jahr besser und tiefer als je zuvor: Ostern ist kein Märchen, in dem wir aus einem bösen Traum aufwachen zum „Immer so weiter.“ Ostern ist der Anfang und das Versprechen von etwas wirklich Neuem.“ (Chrismon 04/2021,S. 10)

          Die Erfahrung nahezu aller Menschen nach einem Todesfall in der Familie ist: Es kann nicht so weitergehen wie zuvor! Das Leben der Andern muss sich ändern, um weitergehen zu können. Nach 70.000 und mehr Todesfällen in unserem Land kann es auch nicht so weitergehen wie zuvor. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft für uns als Gesellschaft,  als Kirchengemeinde und als Einzelne.

          Noch sehen wir das Neue nur vage. Noch sind unsere Augen gehalten von Trauer und gebunden durch den schwankenden Kampf gegen die Pandemie. Aber die Botschaft, das eine Wort ist uns gesprochen: „Maria, – ich lebe und Du sollst auch leben!“ Meinen Sie, liebe Gemeinde, es ist ein Zufall, dass die Schwester des Mose, die nach überstandener Todesgefahr die Pauke schlägt, Miriam heißt und die Mutter Jesu auch und die erste Zeugin der Auferstehung ebenfalls? Nein, diese Zufälle ziehen eine helle Spur des Sinns nach sich, der bedeutet: Ostern, Einspruch des Lebens gegen den Tod – Ostern, Aufstand der Freude gegen das Leid. Ostern, Sehnsucht nach Veränderung in den herrschenden Verhältnissen!

          Ostern heißt gegen allen Augenschein auch Freiheit, neue Freiheit, die in Verantwortung gelebt wird. Selbst wenn wir noch einmal einen harten Lockdown erleben werden, so ist das Wort der Freude und Hoffnung schon gesprochen. Es wird nicht mehr zurück genommen:

 

Jesus Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben! Amen. 

 

 

Bad Sassendorf, den 04.04.2021                               Pfarrerin Stefanie Pensing

Video-Andacht zu Ostern 2021

Video-Andacht zu Ostern 2021       Einfach hier anklicken

Da auch Ostern 2021 wegen hoher Inzidenzwerte keine Präsenz-Gottesdienste gefeiert werden können, hat sich ein Team aus Ehrenamtlichen unter der Leitung von Pfarrerin Stefanie Pensing und Peter Uhl daran gemacht, eine Video-Andacht für Ostern aufzuzeichnen.

Drehorte sind die Lohner und die Bad Sassendorfer Kirche.

Die musikalische Begleitung besteht aus einer kleinen Gruppe Sängerinnen und Sänger unter der Leitung von Barbara Bartsch, das Posaunenquartett mit André Hintz und Organist Gunter Preibisch.

Predigt zum Karfreitag 2021

Predigt zum Karfreitag 2021

Text: Jes.53,3-5

Liebe Gemeinde,

noch gilt in unseren Breitengraden die Zeitrechnung vor Christus und nach Christus.

Im Fluss der Zeit markiert das Kreuz, das die Römer als ihr blutiges Tagesgeschäft auf dem Hügel Golgatha aufgestellt hatten, die Zeitenwende.

So ist nun für jeden unter uns seit dem ersten Karfreitag Wendezeit.

Die Zeit nach Christus darf für uns moderne Zeitgenossen eine Zeit mit Christus, durch Christus und für Christus werden.

Damit dies für uns konkret und anschaulich wird, lassen sie uns nun miteinander hinaufgehen nach Golgatha und dort eine Zeit verweilen.

Hier auf Golgatha gibt es ja ganz unterschiedliche Leute. Diejenigen, die froh sind ihn endlich los zu sein und sich voller Spott ihrer Macht erfreuen. Aber es sind auch andere vor Ort, die die himmelschreiende Ungerechtigkeit kaum ertragen können. Denen das Herz schwer wird angesichts eines vermeintlich sinnlosen Justizmordes.

 Besonders interessant ein römischer Offizier, der während seines Dienstes von Gott überrascht wird. Wie viele Hinrichtungen mag er schon durchgeführt haben? Diese Hinrichtung des Zimmermanns Sohnes aus Nazareth sprengt jeglichen gewohnten Rahmen.

Ein Erdbeben, Gräber, die sich auftun und der Vorhang im Tempel, der mitten entzweireißt.

Das ist dem römischen Offizier göttlicher Anschauungsunterricht und Beweis genug.

Er kann nur noch aus tiefstem Herzen bekennen: wahrlich dieser ist Gottes Sohn gewesen.

In diesem schlichten Satz ist alles gesagt. Gottes Sohn hängt dort am Kreuz.

Hat die Welt jemals so etwas Einmaliges erlebt?

Vorher nicht und nachher nicht, weil das Kreuz für Zeit und Ewigkeit gilt.

 Heute im Jahr 2021 nach Christus, wer wird uns pandemiegeplagten Erdenbürgern auf dem Hügel Golgatha begegnen?

 Ein Abschnitt aus Jes.53, einem der sogenannten Gottesknechtslieder, kann uns zum geistlichen Verständnis helfen.

Jes.53,3: Er war der Allerverachtetste und Unwertetste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.

 4 Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.

5 Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen.

Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Wen sehen wir, wenn wir am Kreuz emporschauen? Ein Bild des Jammers, einen Menschen, der entstellt ist, ein menschliches Wrack. Gleichzeitig zerschlagen von der Sünde und vom Zorn Gottes. Wie er möchte niemand von uns enden. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen, das trifft auch auf Jesus zu. Vor Augen steht ein im höchsten Maße leidender Mensch.

 Er hatte sich in Bezug auf die Obrigkeit ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt und dann machten sie kurzen Prozess mit ihm.

Das System hat sich bis zum heutigen Tag für die Mächtigen dieser Welt bewährt. Wer uns nicht in den Kram passt, den schaffen wir aus dem Weg.

Auch das Volk heult mit den Wölfen und skandiert auf die Frage, ob Jesus oder Barabbas freigelassen werden sollte, lautstark „Barabbas, Barabbas.“ Das ist ein Stich mitten in das Herz von Jesus.

Ganz aktuell sehen wir eine Parallele in Myanmar. Auch hier immer neue Beschuldigungen gegen die Präsidentin.

Menschen ausradieren, von der Bildfläche verschwinden lassen um des eigenen Vorteils willen, war und ist ein Wesenszug des Menschen. Da hat sich nichts gebessert seit der Zeit der Römer mit ihrer perfiden Methode der Kreuzigung.

Also wir sehen zuerst einmal ein unschuldiges Opfer am Kreuz. „Wir haben ihn für nichts geachtet“ heißt es im Predigttext. Für so ein armes Würstchen, dem man nur ohnmächtig beim Sterben zusehen kann, haben wir ihn gehalten.

„Wir hielten ihn für den, der geplagt und von Gott gemartert wäre“ heißt es weiter in V.4.

Da haben wir ihn wieder den Tun-Ergehen-Zusammenhang im jüdischen Denken.

Der Gekreuzigte muss etwas auf dem Kerbholz haben, andernfalls würde er nicht bestraft werden.

 Die Strafe ist nicht nur eine Strafe, die ein weltliches Gericht oder ein einzelner Machthaber verhängt. Nach damaligem Denken ist der Bestrafte auch bei Gott „unten durch“. Er hat es sich mit Gott verscherzt, ist bei ihm in Ungnade gefallen.

Aber für uns sind ja die rechtlichen Fragen nicht so sehr von Bedeutung als vielmehr die geistliche Tragweite des Kreuzes.

Wozu das ganze menschenverachtende, blutige Werk dienen soll, wird uns nun durch den Propheten Jesaja in unser Stammbuch geschrieben: „Fürwahr er trug unsere Krankheit u. lud auf sich unsere Schmerzen.“

So kann nur Jesus handeln: deine Not ist ab sofort meine Not, dein Unglück ist mein Unglück.

Keine menschliche Mutter und sei sie noch so liebevoll vermag sich z.B. an Stelle ihres Sohnes in dessen Rollstuhl zu setzen.

Das ist göttliches Eingreifen, was hier am Kreuz geschieht. Gott tauscht mit dem Menschen die Rolle: „wegen unserer Vergehen wurde er durchbohrt, wegen unserer Verfehlungen zerschlagen“, heißt es in V.5.

Der Mensch kann sich Gott gegenüber nicht alles erlauben. Es passt nicht mit Gottes Gerechtigkeit zusammen, wenn wir uns einbildeten, dass wir tun und lassen können wie es uns beliebt.

So stellen wir uns über Gott und machen aus ihm einen bedeutungslosen Götzen, dessen einzige Aufgabe es ist, uns zu dienen.

Recht behalten wollen und eine gewisse Besserwisserei Gott gegenüber ist schon so alt wie die Menschheit selbst.

„Sollte Gott gesagt haben?“ diese 4 Worte der Schlange an Eva in dem Bericht vom Sündenfall verfolgen uns bis zum heutigen Tag. Der fatale Satz ist höchstens noch etwas verfeinert worden und könnte nun lauten: „sollte Gott überhaupt existieren“?

Oder wenn der Mensch ganz und gar kurzen Prozess mit Gott machen möchte lautet der Satz so: “Gott? Gibt es nicht!“

Gott lässt sich allerdings nicht von uns Menschen tot ignorieren. Er lebt in Ewigkeit, ganz unabhängig von unserer Position ihm gegenüber. Wir haben gar nicht die Befugnis, über Gottes Existenz oder seine Nicht-Existenz zu urteilen.

Nur durch das Kreuz und das leere Grab wird der lebendige Gott für uns sichtbar. Es gibt keinen anderen Weg mit Gott in Verbindung zu treten.

Gott hat das Gericht bereits an seinem Sohn vollzogen, so dass es uns nicht mehr mit voller Wucht trifft.

 Die durchbohrten Hände sind der Beweis, für die Wunde in seiner Seite sind wir verantwortlich.

Mir hilft ein Vergleich weiter, um zu ahnen, was das Kreuz für eine wichtige Bedeutung für diese Welt hat.

Als Abraham seinen Sohn Isaak opfern sollte und schon den Altar gebaut hatte, kam im letzten Moment noch ein Widder, der anstelle von Issak geopfert wurde. (Siehe 1.Mose 22)

Bei Gott ist das anders. Er opfert seinen Sohn Jesus, fügt sich selbst tiefen Schmerz zu, weil er keinen anderen Weg sieht, um uns Menschenkinder, eitle Sünder, wieder für sich zu gewinnen.

Gott hat sich das Liebste vom Herzen gerissen, um uns zu retten. Er hat sich selbst dem Schmerz in seiner ganzen Tiefe ausgeliefert.

Die Heilandsschultern von Jesus haben die schwere Last der Sünde getragen.

Und das Ergebnis des Karfreitages?

Es steht auch schon als Verheißung beim Propheten Jes.: „auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt“ heißt es im Predigttext.

Hier verwirklicht sich nun das, was auch bei der Geburt von Jesus schon den Hirten in der Nähe von Bethlehem von den Engeln in Aussicht gestellt worden war: Friede auf Erden.

Es ist dieser himmlische Friede, von Jesus durch Schweiß und Blut in großer Not erwirkt, der uns in Ewigkeit mit Gott versöhnt und somit mit ihm vereint und zu Gottes Kindern werden lässt.

Der tiefe Graben zwischen uns und Gott, den wir durch unsere Sünde immer wieder aufreißen, wird durch das Kreuz überwunden.

Wodurch könnten wir denn heil werden, wenn nicht allein durch seine Wunden?

Am Kreuz wird Jesus für uns zum Heiland.

Ja, er ist unser Blutsbruder, wie wir sehr schön auf diesem Kreuzigungsbild sehen können.

Im Tod verhilft er uns zum Leben.

 

Es ist noch immer die starke Hand des Gottessohnes, die den Tod überwindet.

In diese Hand darfst auch Du Deine mitunter zitternde Hand legen, damit er Dich führen kann, seinen Weg führen kann.

Und wissen Sie, was das Schönste ist? Heute ist die Zeit nach Christus vor Christus. Wie das, mögen Sie sich fragen?

 

Ja, der auferstandene Herr kommt wieder, welch ein Tag der Erleichterung und Dankbarkeit steht uns bevor.

Er, der uns aus dem Sumpf der Sünde gezogen hat, wird unsere Hand in Ewigkeit nicht loslassen.

 

Gebet:

Herr Jesus Christus,

seit du für uns gestorben bist, kann jeder Tag ein neuer Anfang sein und jeder Abend endet bei dir.

Weil du unsere Schmerzen zu deinen Schmerzen machst, werden wir getröstet und sind voll Dank.

Lass uns bei dir bleiben in Zeit und Ewigkeit.

Amen.

 

Einen nachdenklichen Karfreitag wünscht Ihnen mit Segensgrüßen

 

Ihre Pfr.in Brigitte Kölling