Quo vadis Region?!

Dieter Tometten ist seit dem Jahr 2011 Superintendent im Kirchenkreis Soest. Der 61-Jährige hat unter anderem die Aufgabe, die Entwicklung in den neu geschaffenen Regionen zu begleiten und zu begutachten. Im Rahmen einer Visitation, also eines Besuches, ist dies vor kurzem in der Region zwischen Lippe und Möhne geschehen. Ziel ist es dabei gewesen, über einen Gedankenaustausch dazu beizutragen, die Region weiterzuentwickeln.

Perspektiven: Was ist eine Visitation?

Dieter Tometten: Die Visitation ist eine uralte Einrichtung der Kirche. Das fängt schon in biblischen Zeiten an. Sie ist eine ganz geniale Idee, eben nicht aufsichtlich von oben nach unten Dinge im Kontrollverfahren zu machen – sondern in einem Austausch, der bei gegenseitigen Besuchen entsteht. Wir erleben einander, indem wir einander besuchen; das hat immer etwas mit Augenhöhe zu tun. Irgendwann ist es zum bischöflichen Recht geworden. Die Bischöfe hatten die Aufgabe der Übersicht und der Aufsicht: Sie sollten sich davon überzeugen wie das Leben in den Gemeinden ist, wie das Evangelium dort gelebt und verkündigt wird – und natürlich auch, ob auch sonst alles in Ordnung ist. In unserer Landeskirche ist die Visitation heute die Aufgabe der Präses (Anm. d. Red.: die leitende Geistliche der westfälischen Landeskirche), die die Kirchenkreise visitiert. Und es ist die Aufgabe der Superintendenten, die Gemeinden zu visitieren.

Das heißt: Sie sind gefragt?

Dieter Tometten: Ja, wir haben in den zurückliegenden Jahren jede einzelne Gemeinde einen Tag lang visitiert, jeden Monat eine andere Gemeinde. So haben wir ein allererstes Mal einen vollständigen Überblick erhalten – etwa bei der Möhne-Kirchengemeinde oder in Neuengeseke. Bei diesen Visitationen sind positive und negative Sachen aufgefallen. Es ist schon ein tolles Leben in den Gemeinden. Es gibt aber auch Sachen, die noch nicht so sind, wie sie sein könnten. Oder die nicht mehr so sind, wie sie schon einmal gewesen sind. Dann kann man Vereinbarungen treffen, wie man daran weiterarbeitet. Daraus kann sehr viel Gutes entstehen.

Das heißt ...?

Dieter Tometten: Wir haben aus unseren Erfahrungen zum Beispiel das Konzept der Region entwickelt. Wir haben nämlich gemerkt, dass die Gemeinden sich mitunter sehr stark auf sich selber beziehen. Dabei werden die Möglichkeiten der Nachbargemeinden zu wenig wahrgenommen. Wir sind zum Beispiel auf einem Posaunenchor in einer Gemeinde gestoßen. Dort sagte man: „Wenn die Gemeinden besser zusammenarbeiten würden, dann hätten wir nicht so große Nachwuchsprobleme. Wenn wir in anderen Gemeinden werben, dann kommen wir uns so vor, als ob wir etwas Unerlaubtes tun.“ Es gibt auch gute Beispiele, wo es funktioniert. Die Möhne-Kirchengemeinde und die Kirchengemeinde Neuengeseke haben ja ein gemeinsames Gemeindebüro. Kirchengemeinden können gemeinsam ein Gottesdienstkonzept überlegen, in der Konfirmandenarbeit, in der Öffentlichkeitsarbeit und in der Jugendarbeit zusammenarbeiten. Bereiche also, die vielleicht in einer Gemeinde ein bisschen mühsam und schwierig sind, wo es aber in der Nachbargemeinde funktioniert.

Haben Sie ein Beispiel für etwas, was man sich abschauen kann?

Dieter Tometten: Ich bin in verschiedenen Gemeinden auf das Kochen gestoßen. Ja, es wird gekocht. Lecker! Man erlebt Gastfreundschaft. Das läuft gut und ich habe gesagt: „Leute, das ist eine Riesengabe!“ Denn das interessiert die Menschen, das interessiert junge Männer. Die kochen gerne – auch mal zusammen. Warum soll man das dann nicht machen! Wenn man sie zum Kaffeetrinken einlädt, dann kommen sie nicht.

Die erste Region, die Sie besucht haben, war die zwischen Lippe und Möhne – warum?

Dieter Tometten: Wir haben ja sieben Regionen, wenn wir die Soester als zwei Regionen zählen. Da muss man irgendwo anfangen. In drei Regionen gab es gerade Pfarrerwechsel; da hat es nicht so wahnsinnig viel für sich, mit ihnen anzufangen. Wir wollen in anderthalb Jahren mit allen Regionen durch sein, also kann ich die Visitationen jetzt nicht einfach auf die lange Bank schieben. Und: Es schien uns in der Region zwischen Lippe und Möhne geradezu ideal zu sein. Sie ist sehr gut gestartet, hat viele Ideen entwickelt. Leider ist sie dann durch die Erkrankung von Pfarrer Friedhard Fischer zurückgeworfen worden. Da die Visitation neben der Bestandsaufnahme besonders dazu dient, Impulse zu geben, haben wir gesagt: „Jetzt fangen wir dort an!“ Wir wollen die Regionen ja in ihrer Entwicklung fördern.

Gibt es bereits Ergebnisse zur Visitation dieser Region?

Dieter Tometten: Über das hinaus, was wir an dem Visitationsabend selber besprochen haben, gibt es noch nichts Schriftliches; das Material liegt noch auf meinem Schreibtisch. Aber bei dem Treffen, da gab es schon Ergebnisse. Das eine ist, dass die weitere Entwicklung der Gottesdienstl A ichen Zusammenarbeit sehr gefördert werden soll. Das hat schon der Gottesdienst in Neuengeseke gezeigt. Das ist sehr fruchtbar, es wird von den Leuten begrüßt: „Wir erleben uns als lebendige, vielfältige und gute Gemeinschaft.“ Das ist eine gute Botschaft. Es gilt, an dieser Stelle weiterzuarbeiten und sich ermutigen zu lassen. Auch in der Konfirmandenarbeit zeigt sich eine große Bereitschaft, zusammenzuarbeiten und Sachen zu entwickeln. Man hat auch eine sehr schöne Zusammenarbeit mit der Jugendkirche. Das ist ein enormer Schritt! Da muss man nichts aufbauen, da kann man weiter ausbauen und das in ein gemeinsames Konzept des Konfirmandenunterrichts gießen: Das kann dann für die Konfirmanden das Erlebnis einer wirklichen Gemeinschaft ermöglichen. Und dann ist etwas wirklich neu ins Bewusstsein getreten: die Seelsorge. Die Aufgabe der Seelsorge vor allem in den Heimen und bei den ambulant betreuten Alten. Die Aufgabe stellt sich allein wegen der 900 Altenheimplätzen in der Region! Aber wir haben da noch keine Idee. Wir wissen nur: Wir wollen und müssen etwas machen! Wir dürfen nicht nur hoffen, dass wir genügend Pfarrer haben, die das machen können. Mit unseren Pfarrer-Kapazitäten kommen wir nicht aus, wir müssten mindestens zwei volle Kräfte einstellen. Die haben wir nicht. Und wir würden die gerne auch woanders einsetzen. Also müssen neue Konzepte wachsen. Wir müssen schauen: Wie kriegen wir die Häuser, die Menschen dort so betreut, dass sie wirklich gut betreut werden und dass das in den Gemeinden als ein fruchtbares und gutes Arbeitsfeld wahrgenommen wird. Jedes dieser Häuser ist anders – andere Bedingungen, andere Erwartungen, andere Möglichkeiten.

Was macht die Gemeinschaft einer Region aus?

Dieter Tometten: Wir haben das als erstaunlich positiv erlebt. Erstens in dem Region-Gottesdienst in Neuengeseke, zweitens im Kirchenkaffee danach. Es war ein erstaunlich lebendiger Austausch. Man freute sich, die anderen zu sehen. Und wir merken es in der verlässlichen Zusammenarbeit. Aber auch in der Vorbereitung und der Visitationskonferenz. In dieser großen Region, die von der Lippe bis an die Möhne reicht, sollte man aber nicht zu viel Wert auf Gemeinschaft legen. Das würde zu einer Zentralisierung führen, bei der immer das, was nicht im Zentrum ist, aufs Abstellgleis gerät. Das ist nicht die Idee! Die Idee der Region ist: Wir machen die gemeinsam wahrgenommenen Fähigkeiten an den verschiedenen Stellen vor Ort fruchtbar. Daraus entwickeln wir etwas. Wir merken, was zum Beispiel ganz im äußersten Norden in Herzfeld möglich ist, oder was in Völlinghausen und Körbecke möglich ist. Wir wissen dann: Das geht. Wir können aber nicht die ganze Region dazu bringen, das so zu machen. Vielmehr muss man Konzepte entwickeln, bei denen man sagt: Wenn die eine Gemeinde einen Pfarrer braucht, wenn die mal einen Kirchenmusiker braucht, einen Jugendmitarbeiter oder etwas anderes, dann kommt der. Der kommt vielleicht den ganzen Weg von Herzfeld an die Möhne gefahren und bringt sein volles Knowhow ein. Es gibt einen Zusammenhalt, der muss auch irgendwie gepflegt werden. Der muss erlebbar sein. Ohne den Zusammenhalt kommt man nicht aus. Aber nicht mit dem Ziel, nach und nach eine Sogwirkung zu entwickeln; dass es nach und nach ins geographische Zentrum geht. Ein gegenseitiges Aufgreifen von Möglichkeiten ist das Ziel. Also, beispielsweise die Sache mit den Konfirmanden. Die kommen von überall her und es muss nicht sein, dass die sich alle in Bad Sassendorf treffen und an Sankt Simon und Judas Thaddäus gewöhnen. Es kann auch sein, dass man ganz bewusst mit diesen Konfirmanden ganz an ein Ende der Region geht. Nach Herzfeld oder an die Möhne. Damit die etwas Neues erleben.

Welches Potential haben Regionen?

Dieter Tometten: Jede hat ein anderes Potential. Das war eine wichtige Erkenntnis auf der Synode. Jede Region hat ihr eigenes Tempo, ihren eigenen Reiz. Wenn man die unterschiedlichen Regionen betrachtet, fällt das sofort auf. Bei der einen verläuft es so und bei den anderen geht es anders. Und es ist auch nicht automatisch so, dass die Regionen im Laufe der Zeit alle gleich ticken. Das muss unterschiedlich bleiben können! Deswegen hat es nicht viel Sinn, alles zu generalisieren. In Ihrer Region zwischen Lippe und Möhne zum Beispiel haben wir sehr alte Kirchen. Das hat nicht jede Region. Sie haben mit diesen alten Kirchen einen ganz besonderen Stil. Mit diesen alten Kirchen und den gewachsenen Strukturen muss man anders arbeiten können. Die haben so eine Art Sogwirkung. Außerdem hat man in der Pfarrerschaft sehr unterschiedliche Begabungen. Will man die zur Geltung bringen, dann sollte man ermöglichen, dass nicht jeder alles selber machen muss. So entsteht da am Ende etwas Besseres. Und: Die Möhne-Kirchengemeinde ist zum Beispiel eine Urlaubsregion. Das ist viel zu wenig umgesetzt; immerhin wahrgenommen! Das heißt, sie müsste eigentlich Formen entwickeln können, bei denen die Bad Sassendorfer Erfahrungen mit ihren Gästen auf Zeit helfen können. So könnte man herausfinden, wie diese Touristen helfen können, ganz bestimmte lebendige Formen in der Gemeinde zu platzieren. Formen, die der Gemeinde auch weiterhelfen. Mit der Kirche am See, die ja weitgehend in katholischer Hand ist, sind da Akzente gesetzt. Das können Sie an der Möhne auch! Das ist längst überfällig. Aber eine kleine Gemeinde traut sich das eben nicht. Es könnte aber funktionieren. Sie haben ja in der Möhne-Kirchengemeinde 2200 Gemeindeglieder. Und es gibt erfrischend viele Leute, die etwas machen wollen!

Haben Sie eine Vision wie Region funktionieren soll?

Dieter Tometten: Ich weiß, dass es ein großes Risiko gibt. Dass wir mit der Schaffung von größeren Einheiten das Gefühl bekommen: Damit wird es anonymer. – Ich habe eine völlig andere Vision: Ich habe die Vision, dass es eine gut abgestimmte Zusammenarbeit gibt. Das gilt nicht nur für die Pfarrerschaft, sondern auch für die anderen aktiven Mitarbeitenden – bezahlt oder unbezahlt. Die Zusammenarbeit soll sich nach und nach weiter verstärken, ohne sich gegenseitig zu relativieren. Ich wünsche mir die Gemeinden jeweils als lebendige Zentren. Ich stelle mir vor, dass man lernt, die logistischen und rechtlich erforderlichen Zusammenhänge straff und effizient zu organisieren. Ich kann mir zurzeit eigentlich nur vorstellen, dass es am besten geht, wenn man ein Presbyterium bildet; mit starken Bereichen, die ihre eigene Dynamik entwickeln. Mit der Einstellung „Wir müssen alles unter Kontrolle haben und alles selber machen“ ist man sehr langsam. Zumal drei Presbyterien nicht alle Presbyterplätze besetzen konnten. Beispielsweise müssen Personalentscheidungen nicht immer kleinteilig vor Ort beraten und entschieden werden. Das kann zentral gemacht werden. Dann kann sich die Arbeit vor Ort ungehindert entfalten. Ich denke, die Gemeinden sollen frei entscheiden, in welcher Weise und in welchem Tempo Sie Ihre Struktur entwickeln. Wenn sie dann unabhängig bleiben wollen, in Gottes Namen, dann sollen sie es machen. Aber sie müssen sich klarmachen, dass sie dabei auch verantwortlich sind für die Zeit ihrer Mitarbeitenden, auch ihrer Pfarrer. Und wenn sie die Pfarrer zwingen, in allen möglichen Gremien mitzuwirken, dann können die Pfarrer nicht gleichzeitig an anderen Stellen ihre Arbeit tun. Das ginge anders! Schließlich gilt es, Dinge, die sich bewährt haben, weiterzuentwickeln. Das kostet vielleicht viel Arbeit. Aber die zahlt sich aus! Andere Sachen, die zwar weniger Arbeit erfordern und sich am Ende nicht auszahlen, kann man nach und nach ersetzen. Dann ist das auf Dauer auch leichter. Es geht darum, dass wir mit unserer Arbeit einen möglichst guten Effekt haben.

Mit Superintendent Dieter Tometten sprach Stefan Trockel (Evangelische Möhne-Kirchengemeinde).